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Vom Ballast befreit

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Von: Frank Hellmann

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Aus und vorbei: Max Kruse wird für den VfL Wolfsburg kein Spiel mehr bestreiten.
Aus und vorbei: Max Kruse wird für den VfL Wolfsburg kein Spiel mehr bestreiten. © dpa

Der exzentrische Spielmacher Max Kruse darf kein Spiel mehr für den VfL Wolfsburg machen.

Niko Kovac zwinkerte nicht einmal mehr mit dem Auge, wie er das sonst gerne tut. Der schwarz getünchte Presseraum der Frankfurter Arena – dem Trainer des VfL Wolfsburg noch bestens bekannt – mit seinem sterilen Ambiente passte, um Max Kruse eiskalt abzuservieren: „Er wird für uns kein Spiel mehr machen.“ Der 50-Jährige hatte gerade den ersten Bundesligasieg (1:0) mit den Niedersachsen eingefahren. Mit einem kämpferisch starken Kollektiv, bei dem sich jeder für den anderen aufopferte. Kruse stand nicht mal mehr im Kader. Und das soll auch dauerhaft so bleiben. „Wir haben gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass uns der Max in unserer jetzigen Situation nicht hilft.“ Es kämen „keine Impulse, kein konstruktives Miteinander“. Der Fußballlehrer redete so wie der Obsthändler, der die faule Tomate herauspickt, damit nicht alle Früchte befallen werden. Er trage schließlich die Verantwortung.

„Wir verlangen von jedem Spieler eine hundertprozentige Identifikation und Konzentration mit Fokus auf den VfL. Das Gefühl hatten wir nicht mit Max.“ Kovac hat für den einem fürstlich dotierten Vertrag bis 2023 ausgestatteten Kruse am Mittellandkanal einige Brücken gebaut – über keine ist der Freigeist gegangen, der am Samstag in Berlin unterwegs war. Über seine Social-Media-Kanäle verbreitete der 34-Jährige ein Selfie, das ihn in einem Fahrstuhl zeigte. Ohne Kommentar zur Ausmusterung. Sportchef Marcel Schäfer steht selbstredend hinter dem nach dem Fehlstart getroffenen Entschluss, der nicht als „Entscheidung gegen einen, sondern eine für die Mannschaft“ verstanden werden soll. So möchte der Werksklub von seinen Leitmotiven – Arbeit-Fußball-Leidenschaft – vor allem das erste und letzte Schlagwort leben. Doch für Arbeit und Leidenschaft steht der auf all seinen Stationen von seinem Talent zehrende Kruse nur bedingt.

Dass der offiziell bei 86 Kilo Leibgewicht geführte Ex-Nationalspieler kein Musterprofi ist, der täglich alles für die Fitness tut, hätten die Verantwortlichen vor dessen Verpflichtung wissen müssen. Den Vorwurf fehlender Weitsicht, wies Schäfer umgehend zurück: „Max hat uns in der Rückrunde geholfen.“ Unter Florian Kohfeldt steuerte der Winter-Neuzugang von Union Berlin ja noch neun Torbeteiligungen zum Klassenerhalt bei. Als der Kruse-Versteher Kohfeldt durch den Disziplinfanatiker Kovac ausgetauscht wurde, änderten sich die Bedingungen grundlegend. Doch nun wurde der Konflikt erst nach Schließung des Transferfensters mit einem Knall gelöst. Es ist auch ein klares Signal – nach außen und innen. Arbeitsrechtlich handelt es sich um keinen Rauswurf. Der Altstar soll weiter trainieren. Doch zu seinen 307 Bundesligaspielen (97 Tore) kommt im VfL-Dress keines dazu.

Das Team geht auf Distanz

Das Team stützte die Maßnahme, verteidigte gemeinsam und jubelte am Ende dank des Kopfballtores von Maxence Lacroix (60.). Dass der Verteidiger mit ausgebreiteten Armen direkt zum Cheftrainer lief, kam Kovac natürlich zupass. Der junge Franzose sei einer, die „täglich an sich arbeite“. Kruse hingegen steckte zuletzt lieber die Energie in die Produktion seichter Kurzvideos mit Ehefrau Dilara („Die Kruses“).

Auffällig gingen die Wortführer der Wolfsburger bereits auf Distanz zum jetzt aussortierten Selbstdarsteller. „Das ist eine Entscheidung von Trainer und Verein, die wir akzeptieren. Wir haben als Mannschaft den Sieg geholt“, erklärte Torwart Koen Casteels vielsagend. Und Kapitän Maximilian Arnold befand sogar: „Wir haben andere Probleme als Max Kruse.“

Stimmt: Bei Trainerauswahl und Kaderzusammenstellung hat der zur Causa Kruse schweigende Geschäftsführer Jörg Schmadtke zuletzt kein glückliches Händchen mehr bewiesen. Vermutlich kann es sich nur eine opulent ausstaffierte VW-Tochter leisten, für einen solchen Promi-Kicker ein stattliches Millionenpaket zu schnüren, um ihn letztlich nur für wenige Monate einzusetzen.

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