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Voller Fokus auf Österreich

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Von: Frank Hellmann

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Feierbiester aus Deutschland. Foto: AFP
Feierbiester aus Deutschland. Foto: AFP © AFP

Nach einer perfekten Gruppenphase wird das Viertelfinale nun zum Lackmustest für die deutschen Frauen

Träumt nicht jede deutsche Nationalspielerin vielleicht bereits davon, auf dem heiligen Rasen von Wembley die EM-Trophäe zu empfangen? Knapp zwei Wochen sind es noch bis zum großen Finale in London, einerseits ist das noch lange hin, andererseits geht die Frauen-EM 2022 für die DFB-Auswahl in die entscheidende Phase. Da kann es nicht schaden, Feierprozeduren zu üben. Kaum hatte Linda Dallmann nach dem letzten Gruppenspiel gegen Finnland (3:0) den Pokal als Spielerin des Spiels empfangen, probte sie mit Lina Magull, Sydney Lohmann, Klara Bühl und Giulia Gwinn, wie es gehen könnte: Eine (Dallmann) hebt die Silberware in die Luft, der Rest wirft die Hände zum Himmel.

Die 27-jährige Mittelfeldspielerin, zumindest die erste Halbzeit auffälligste Akteurin gegen einen Gegner, der eher als Sparringspartner denn als Gradmesser taugte, widersprach nicht wirklich, dass die Münchner Runde spaßeshalber etwas einstudierte, was sich erst noch verdient werden will. Noch für drei EM-Spiele im wunderbar sonnigen London zu bleiben, lautet längst auch die öffentliche Forderung der Bundestrainerin, wobei Martina Voss-Tecklenburg nicht im Verdacht steht, einen Schritt zu weit zu denken: Ihr Fokus gilt nur dem ersten K.o.-Duell gegen Österreich (Donnerstag 21 Uhr/ARD).

„Gratulation. Sie sind total verdient gegen Norwegen weitergekommen. Das ist kein Zufall“, sagte Voss-Tecklenburg. „Das wird kein Spaziergang in irgendeine Richtung“, warnte die 54-Jährige. Wenn ihr zweites Turnier mit den DFB-Frauen als Fortschritt verbucht werden soll, reicht die beste EM-Gruppenphase seit 2005 für den Rekordeuropameister nicht. „Wir sind leichter Favorit, aber dieser Rolle müssen wir gerecht werden.“ Die gebürtige Duisburgerin ist mit der ÖFB-Teammanagerin Isabel Hochstöger gut befreundet, hat aber trotzdem eine schlechte Erinnerung: Als Nationaltrainerin der Schweiz verlor Voss-Tecklenburg bei der EM 2017 das Alpenduell gegen Österreich mit 0:1. Die Schweiz reiste heim, während Österreich bis ins Halbfinale kam – und da schon gegen die Deutschen gespielt hätte, wenn nicht das von Steffi Jones betreute DFB-Team gegen Dänemark gepatzt hätte. Voss-Tecklenburg hatte dann bei der WM 2019 dasselbe Erlebnis: wieder Aus im Viertelfinale, damals ein Einbruch gegen Schweden. Das alles spielt nun unweigerlich mit, weshalb die Bundestrainerin am Samstagabend ausrief: „Wir tun wirklich gut daran, uns ab 23 Uhr ganz seriös auf den Gegner vorzubereiten.“

Pünktlich auf die Minute rollten die beide Busse aus der am Reißbrett geplanten Planstadt Milton Keynes über unzählige Kreisverkehre zurück ins Stammquartier. Den Pflichtsieg gegen den Außenseiter hatte Voss-Tecklenburg zuvor als „seriös, aber nicht brillant“ eingestuft. Zumindest in der ersten Halbzeit deutete eine auf vier Positionen veränderte Startelf mit flüssigen Kombinationen an, zu was sie in der Lage ist. In Hälfte zwei fehlten Tempo und Rhythmus. Bei neun Punkten und 9:0 Toren könne man jedoch nicht meckern, meinte die Trainer, „man hätte mit einer Wette viel Geld verdienen können“. Unbezahlbar soll sein, dass alle 20 Feldspielerinnen nun das Gefühl besitzen, gebraucht zu werden.

Selbst die bislang eher als Kabinen-DJ geschätzte Laura Freigang kam in der Schlussviertelstunde zum Zuge und sagte: „Das bedeutet mir sehr viel.“ Ihre Vereinskolleginnen von Eintracht Frankfurt, Nicole Anyomi und Sophia Kleinherne, erzielten ihr erstes Länderspieltor.

Gerade bei der als Backup für Giulia Gwinn gehandelten Anyomi freute sich die Bundestrainerin, „weil sie mit der Rolle als Rechtsverteidigerin noch fremdelt – das hilft ihr für die Zukunft.“ Die 22-Jährige erzählte lachend, dass sie aber froh sei, „wenn ich im Verein wieder Stürmerin sein darf.“ Zwischendrin bejubelte Alexandra Popp noch ihr drittes EM-Kopfballtor im dritten Spiel. „Es läuft in alter Popp-Manier. Ich glaube, dass die Gegner einen gewissen Respekt vor mir haben“, sagte die Kapitänin. Die 31-Jährige ist stolz über den Entwicklungsprozess. „Unsere Mannschaft funktioniert.“ Ihre Wortschöpfung vom „EM-Zauber“ bemühte die erstarkte Anführerin in der Medienrunde am Sonntag erneut.

Mit den abgelaufenen Gelbsperren für Felicitas Rauch und Lena Oberdorf und einer nach Corona-Erkrankung auf dem Wege der Besserung befindlichen Lea Schüller steht bald wohl der gesamte Kader zur Verfügung. Weil bei Österreich gleich 13 Akteurinnen aus der Frauen-Bundesliga spielen, begegnen sich in Brentford dann reihenweise ehemalige und aktuelle Klubkolleginnen.

„Wir wissen, wie verrückt die sind. Es hat mich auch nicht überrascht, Barbara (Dunst) mit einem Stuhl über den Kopf zu sehen“, sagte Freigang in Anspielung auf die Partyköniginnen, die mit ihrer Musikanlage schon mal ein ganzes Stadion beschallen. Doch das alles muss ja nichts heißen, wie die über 90 Minuten zum Einsatz gekommene Innenverteidigerin Sara Doorsoun nach ihrer soliden Leistung sagte: „Es geht nicht darum, wer besser feiert, sondern wer auf dem Platz besser Fußball spielt.“

Das sollte unter normalen Umständen tatsächlich Deutschland sein.

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