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Im Namen des Volkszorns

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Von: Jan Christian Müller

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Im Fokus der Kritik: Oliver Bierhoff (li.), Hansi Flick. Foto: imago images
Im Fokus der Kritik: Oliver Bierhoff (li.), Hansi Flick. © IMAGO/Laci Perenyi

Die deutsche Öffentlichkeit hat weitgehend dem Daumen gesenkt zur Zukunft von Bundestrainer Hansi Flick und Manager Oliver Bierhoff. Kommt es auch so?

Das Fachblatt „Kicker“ verfügt seit geraumer Zeit über eine prächtig funktionierende Online-Redaktion, die weiß, was die Menschen bewegt. Just am Wochenende wurden ergo zwei brennende Fragen an die geschätzte Leserschaft aufgesetzt. Erstens: Soll Flick bleiben? Zweitens: Soll Bierhoff bleiben? Die Antworten bewegen sich in einem erwartbaren Radius: 45 Prozent plädieren dafür, dass der Bundestrainer künftig nicht mehr Hansi Flick heißen soll. 90 Prozent hätten gern Oliver Bierhoff weg.

Das Fußballvolk senkt den Finger besonders tief über einem, der nie geliebt wurde. „Bild“ titelt in kleiner roter Dachzeile: „DFB-Geheimplan mit Watzke“ und platziert darunter in schwarz die Schlagzeile: „Bierhoff muss gehen!“ Das ist perfide orakelt. Es liest sich so, als sei es zwar ein ganz geheimer Plan (der so konkret noch gar nicht existiert, allenfalls eventuell in Watzkes Kopf), vor allem aber eine ultimative Forderung des Massenblatts.

Der Bundestrainer konnte derweil in der „Akte Flick“ bei der zuständigen Staatsanwaltschaft von Sport1 seine Fehler nachschlagen. Noch gilt zwar die Unschuldsvermutung, eine Verurteilung im Namen des Volkszornes steht aber zeitnah aus.

Trainer und vor allem Manager werden abwechselnd mit Hackebeil, Vorschlaghammer, Streitschwert oder Sense bearbeitet. Es sind die üblichen Haudrauf-Reflexe in der Aufregung um das vorzeitige WM-Aus, die durch die Erfindung des Internets noch verstärkt werden. Die Vorhaltungen wären in vergleichbarer Form schon 2014 formuliert worden, wenn Deutschland seinerzeit im Achtelfinale an Algerien gescheitert wäre, was zuvorderst der damals noch formidable Keeper Manuel Neuer zu verhindern wusste.

Natürlich gibt es, gerade mit Blick auf die ja schon bald bevorstehende Europameisterschaft im Sommer 2024, sachliche Argumente, warum Bierhoff als Baumeister von Trainerteam und in der Zuständigkeit für die Öffentlichkeitsarbeit in Frage gestellt wird. In der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt selbst der wütenden Tiraden völlig unverdächtige Philipp Selldorf: „Die Nationalmannschaft ist im Begriff, aus der Mitte der Fußballgemeinde zu verschwinden. Oliver Bierhoffs Ablösung als Repräsentant der Nationalelf erscheint vor diesem Hintergrund überfällig.“

Die gediegene „FAZ“ urteilt deutlich ungnädiger: „Der deutsche Fußball hat in seiner Selbstgefälligkeit bei dieser WM bloß die nächste brutale Selbsttäuschung erlebt.“ Nationalelf wie DFB seien „ein Sanierungsfall“. Von der „politischen Verantwortung für das Desaster“ könne sich „der neue DFB-Präsident Neuendorf nicht freisprechen, noch weniger der zuständige Direktor Bierhoff“. Denn: „Absturz der Nationalelf und die Abwendung vieler Fans von der einst beliebtesten Mannschaft des Landes“ sei „in den vergangenen Jahren mit keiner Person so stark verbunden wie mit dem Europameister von 1996“.

Bierhoffs Selbstdarstellung ertragen viele Fans und Medien tatsächlich nur noch unter Schmerzen (und negieren dabei dessen Weitblick in Fragen der Talententwicklung). Dass der DFB-Geschäftsführer nach dem Spiel gegen Costa Rica postulierte, er habe, was seine Person anginge, ein „sehr gutes Gefühl“, macht die Leute fassungslos. Auch Flicks Bemerkung, er habe „Spaß“ an seinem Bundestrainerjob und wolle deshalb gern weitermachen, bedarf bei der zur Wochenmitte geplanten Krisensitzung mit Präsident Bernd Neuendorf und Ligaboss Hans-Joachim Watzke einer dringenden analytischen Vertiefung.

Aus dem Verband dringt derzeit wenig nach draußen. Der DFB bat in einem Schreiben an die Medien ausdrücklich um Verständnis, dass keine Wasserstandsmeldungen vermeldet würden. Insgesamt wirken Duktus und Umgang mit der Öffentlichkeit von einer neuen Demut geprägt, ohne dass irgendeine Führungskraft – weder Flick, Bierhoff noch Neuendorf – bisher öffentlich Fehler im Management dieses missglückten Trips nach Katar eingeräumt hätten.

Das in Richtung Bundestrainer und Manager distanzierte Statement des Verbandschef vor dem Abflug am Freitag am Airport in Doha dürfte vor allem Flick keinesfalls behagt haben. Da hatte Neuendorf deutlich gemacht, er erwarte eine eingehende Analyse der sportlichen Leitung mit Weitblick nach vorn. Die Botschaft nach draußen: Hier steht ein Präsident, der Stärke beweist und kritische Fragen stellt. Die Botschaft nach innen: Zweifel an den eigenen Führungskräften.

Es gilt als gesichert, dass Bundestrainer und Manager Kritik an den Präsidenten zurückspiegeln werden. Die Bindendebatte wurde, gewiss nicht zu Unrecht, als extrem störend empfunden. Aber Flick wird bei der Aufarbeitung auch Einsicht zeigen müssen, dass er sowohl in der Außendarstellung als auch bei der Aufstellung objektiv fehlerhaft agiert hat. Besonders EM-Turnierdirektor Philipp Lahm äußerte sich in seiner „Zeit“-Kolumne dezidiert kritisch zur Arbeit des Bundestrainers und forderte: „Deutschland muss sich neu erfinden.“ Es ist an den beiden Vorsitzenden Richtern Neuendorf und Watzke zu entscheiden, ob sie Flick und Bierhoff diesen Erfindergeist noch zutrauen.

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