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Stellt sich schützend vor seinen Trainer: Rudi Völler.

Bayer Leverkusen

Völlers Wutrede mit Bedacht

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Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rudi Völler knöpft sich Kritiker von Bayer-Trainer Heiko Herrlich nach dem 6:2 in Bremen vor.

Dass Rudi Völler gerne mal ausspricht, was in ihm so brodelt, ist nicht neu. Dass der Sport-Geschäftsführer von Bayer Leverkusen dann seinen inneren Vulkan kaum noch zügeln kann, ehe er Lava speit, ebenso wenig. Ähnlich ließ sich auch das Szenario am Sonntagabend im Bremer Weserstadion an. Handgestoppte drei Minuten und 28 Sekunden dauerte Völlers Predigt an die Medien im Kabinentrakt. Er sprach von einer „großen Sauerei“, benutzte Worte wie „unsäglich“ und „unglaublich“ und meinte damit vor allem ein Interview beim TV-Sender Sky, in dessen Verlauf der Leverkusener Trainer Heiko Herrlich direkt nach dem furiosen 6:2-Erfolg gegen den SV Werder in Bremen nach seiner vermeintlich unsicheren Zukunft unterm Bayer-Kreuz befragt wurde.

Doch irgendwie war etwas anders als sonst. Rudi Völler, dieser so häufig explodierende Vulkan, hatte sich ziemlich unter Kontrolle. Der 58-Jährige wählte seine Worte mit Bedacht, als hätte er sie sich schon länger zurechtgelegt. Völler sprach gelassen, fast ein bisschen zu leise und trug seine Kritik unaufgeregt vor. Herrlich sei seiner Meinung nach „vorgeführt“ worden, so Völler. „Das ist für mich unglaublich.“ Ihn, also Herrlich, gefühlt „25 Mal“ nach der Zukunft zu fragen, gehöre sich einfach nicht.

Manch einen mag Völlers Rede an die denkwürdige Pressekonferenz der Bayern-Bosse anderthalb Wochen zuvor erinnert haben, das wäre jedoch deutlich zu hoch ins Regal gegriffen. Der gebürtige Hanauer stellte sogar selbst klar: „Dass man eine kritische Frage stellen muss, ist klar. Ich will da jetzt aber nicht an die Menschenwürde heran.“ Ein kleiner Seitenhieb nach München, der doch verdeutlichte, Rudi Völler wusste genau, was er da tat, beziehungsweise aussprach.

Offensivquartett überragt

Und er hatte in Teilaspekten sicher auch recht. Denn gerade am Sonntag durfte sich Heiko Herrlich am Ende eines turbulenten Spiels als großer Gewinner fühlen. Seine Taktik mit fünf Verteidigern und blitzschnellem Umschaltspiel war komplett aufgegangen. Herrlich hatte gegen Bremen auf eine zentrale Spitze verzichtet und stattdessen die flinken Kai Havertz, Kevin Volland, Karim Bellarabi und Julian Brandt vorne aufgeboten. Die so stark in die Saison gestarteten Bremer waren mit diesem Leverkusener Quartett an feinen Fußballern nahezu das ganze Spiel lang völlig überfordert. „Eine überragende taktische Leistung“, lobte Völler seinen Trainer.

Nun ist es aber auch nicht so, dass die Fragen von Sky-Moderator Patrick Wasserziehr völlig aus der Luft gegriffen waren, schließlich läuft die Bayer-Saison alles andere als nach Plan. Platz zwölf mit nur elf Zählern auf dem Konto sind für die mit großen Ambitionen in die Spielzeit gegangenen Leverkusener eindeutig zu wenig, auch die Spielweise unter Trainer Herrlich ließ im bisherigen Saisonverlauf, aber auch in der vergangenen Spielzeit, doch zu oft zu wünschen übrig. Selbst die Spieler sind sich darüber im Klaren. „Mir geht es auf den Sack, dass wir immer erst in höchster Not die Kurve kriegen“, sagte etwa Nationalspieler Brandt.

Für Heiko Herrlich ist es die zweite Saison als Trainer in Leverkusen und in der Bundesliga, Vertrag hat er bei Bayer noch bis zum Ende dieser Runde, über eine mögliche Verlängerung ist nichts zu hören. Kurzum: Herrlich weiß, dass er weiter gute Ergebnisse liefern muss, dass das 6:2 von Bremen noch lange nicht ausreicht, um seine Kritiker (auch die in den eigenen Reihen) verstummen zu lassen. „Ich hoffe, dass das Spiel Kräfte freisetzt und die Mannschaft den Schwung mitnehmen kann“, sagte der 46-Jährige.

Die Fragen zu seiner Situation ließ Herrlich weitgehend unbeantwortet, sagte nur, dass er dafür der falsche Ansprechpartner sei. Äußerst professionell, das gefiel auch seinem Chef. Bevor Völler nach seiner bedachten Wutrede von dannen zog, schnappte er sich den Trainer und raunte ihm zu: „Das hast du super gemacht.“ (mit sid)

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