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Völler, Rummenigge, Sammer, Kahn: Aus Erfahrung gut?

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Von: Jan Christian Müller

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Einer von fünf neuen Helfern des DFB: Rudi Völler.
Einer von fünf neuen Helfern des DFB: Rudi Völler. © dpa

Der DFB ruft einen prominent besetzten Beraterkreis zusammen und erntet dafür Hohn und Spott, aber auch Anerkennung.

Eine sehr wohl ansehnliche Anzahl an Reaktionen drücken maximale Irritation aus: „Entweder, du willst echte Veränderungen hinsichtlich Transparenz, Diversität, Fehlerkultur, Fan- und Amateurnähe“, sagt die Ansbacher Professorin Jana Wiske, „oder du gründest halt diese Task Force.“ Der Frankfurter Youtuber und Podcaster Marvin Mendel twittert: „Hey, wir beim DFB müssen was ändern! - „Ok, lass uns Oliver Mintzlaff als Berater holen.“ Sportökonom André Bühler schreibt voller Sarkasmus: „Die Nationalelf wird als eigenständiges Profitcenter in den Red-Bull-Konzern eingegliedert und firmiert zukünftig unter „Die-RB-Mannschaft“. Sportwissenschaftler Harald Lange wundert sich, dass der DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Begeisterung für die Nationalmannschaft für „ungebrochen“ hält. „Weshalb lassen ihn seine Berater solche Sätze sagen?“ Lange hat vorgestern eine repräsentative Studie veröffentlicht, die laut des Professors „das Gegenteil“ aussagt: „Die liegt kostenlos vor.“

Das Echo auf die Vorstellung eines frisch gegründeten Beraterkreises zur Aufarbeitung der Defizite im DFB und der Nationalmannschaft und zur Erarbeitung einer Zukunftsperspektive hätte sich der Verbandschef sicherlich weniger schroff widerhallend gewünscht, eher so, wie vom Fachblatt „Kicker“ kommentiert: Kritik, die Runde sei zu alt oder zu männlich, sei „natürlich Unfug!“ Denn: „Hier geht es nicht um Repräsentanz, sondern um Beratung.“

Altersschnitt fast 60

Neuendorf nannte in dem ihm eigenen nüchternen Tonfall das aus Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler, Oliver Kahn, Matthias Sammer und Oliver Mintzlaff bestehende Quintett in seiner Kompetenz „über alle Zweifel erhaben“. Denn die Herren, im Durchschnitt an die 60 Jahre alt, würden sich „im Männerfußball sehr gut auskennen“. Kein Zweifel: Da setzt einer eher auf Erfahrung, Prominenz und ein dichtes Netzwerk (das dem Quereinsteiger natürlich noch fehlt) als auf neues Denken. Es geht ihm um pragmatische Lösungen in einer begrenzten Zeitspanne: „Wir brauchen einen Schulterschluss. Wir müssen die Kräfte bündeln Richtung EM 2024. Das muss ein Erfolg werden.“ Die führenden deutschen Klubs Bayern München, Dortmund, Leverkusen und Leipzig hat er mit seiner Personalauswahl schon mal hinter sich vereinigt.

Bundestrainer Hansi Flick sei über Personal und Ausrichtung informiert, gehöre dem Gremium aber nicht an, so der Präsident. „Alles, was jetzt besprochen wird, wird mit Hansi Flick rückgekoppelt“, so Neuendorf. Was einen künftigen Sportdirektor angehe, sei er „sicher, dass wir zu einer einvernehmlichen Lösung kommen“, die auch dem Bundestrainer behage, Flick sei „der richtige Mann auf dieser Position“. Er habe „die Energie, um die EM erfolgreich zu gestalten.“ Der Bundestrainer wird sich nach FR-Informationen am Wochenende erstmals nach dem WM-Aus umfangreich öffentlich äußern.

Bereits vor Weihnachten soll es eine erste Elefantenrunde der Gurus und Ex-Gurus unter Führung von Neuendorf und Ligaboss Hans-Joachim Watzke geben. Parallel dazu bittet Neuendorf verdiente Verbandsleute um die treue Generalsekretärin Heike Ullrich und EM-Turnierdirektor Philipp Lahm, sich zu einer zweiten Arbeitsgruppe zu versammeln. Offenbar gibt es eine Menge aufzuarbeiten. Etwa das vom zurückgetretenen Manager Oliver Bierhoff schon Anfang 2019 propagierte Nachwuchskonzept „Projekt Zukunft“, das nach heftigem Widerstand der Landesverbände in einer Sackgasse gelandet ist. „Ich bin gerade dabei, es aus dieser Sackgasse zu holen“, so Neuendorf.

Neuendorf übt Selbstkritik

Abseits des Blicks in die Zukunft beschäftigte sich der 61-Jährige auch selbstkritisch mit der jüngeren Vergangenheit, dem „Binden-Streit“ unmittelbar vor dem Start der WM in Katar. Rückblickend gab er der Frankfurter Kritikerin Sylvia Schenk Recht die in der Frankfurter Rundschau zum Ausdruck gebracht hatte, dass der DFB gemeinsam mit den anderen europäischen Verbänden im Vorfeld unbedingt das persönliche Gespräch mit Fifa-Präsident Gianni Infantino hätten suchen müssen, um das Thema vertrauensvoll zu besprechen. „Das ist ein Lerneffekt, das würde ich aus heutiger Sicht anders machen“, so Neuendorf.

Grundsätzlich aber verteidigte er die Strategie des Verbands. Denn wenn Kapitän Manuel Neuer die Binde trotz des Fifa-Verbots getragen hätte und dies bestraft worden wäre, „wäre das in der Mannschaft ein größeres Thema gewesen als so, wie es gekommen ist“.

Grundsätzlich bekenne er sich nach wie vor dazu, Menschenrechte zu verteidigen. Was die Spieler beträfe: „Es gab zu keinem Zeitpunkt von meiner Seite in irgendeiner Form eine Vorgabe an die Spieler, was sie zu tun hätten.“ Neuendorf verwies völlig zurecht darauf: Die öffentliche Erwartung in Deutschland, welche Zeichen DFB und Spieler in Katar setzten, sei groß gewesen. Deshalb habe der DFB die Spieler durch diverse Vorträge „in die Lage versetzt, sich ein eigenes Bild zu machen“. Einige Spieler seien von sich aus dann bereit gewesen, „sich kritisch aufzustellen“.

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