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In Topform: Kapitän Marcel Sabitzer (rechts) traut seinem Team noch viel zu.

Champions League

Virenfreie Sonderzone

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An einem Champions-League-Abend bei RB Leipzig kann sich der Fußball gegen die Auswirkungen des Corona-Virus noch halbwegs immun machen.

Es gehört zu den Marotten des Stadionsprechers Tim Thoelke, sich bei Heimspielen von RB Leipzig in ein knallrotes Sakko zu zwängen und im Stile eines aufgedrehten Marktschreiers aufzutreten. Als nach sechs Minuten Nachspielzeit endlich Gewissheit war, was sich bereits nach zehn Minuten angedeutet hatte, dass nämlich der Bundesligist auch das Champions-League-Rückspiel gegen den ersatzgeschwächten Vorjahresfinalisten Tottenham Hotspur (3:0) souverän beherrschen würde, rief der Mann mit heiserer Stimme aus: „RB Leipzig steht im Viertelfinale der Champions League.“

Sofort spielte die Stadionregie die Untermalung ein: „Fight for your Right“ von den Beastie Boys schepperte über die Lautsprecher. Wer unter den 42 165 Zuschauern nicht zu den traurigen Spurs-Anhängern gehörte, für den war für einen Moment die Welt noch in Ordnung: Die schönste Nebensache der Welt hatte die Menschen mal wieder gut unterhalten. In Leipzig war es gelungen, sich zumindest für einen Abend vom Krisenmodus mit dem Coronavirus abzukoppeln. Nur war die Ansteckungsgefahr, vorbehaltlos einen historischen Erfolg des Brauseklubs zu bejubeln, recht gering.

Was auch Oliver Mintzlaff spürte, der hernach fast ausnahmslos Fragen zur Epidemie und nicht zum Sport beantworten musste. „Es ist natürlich ein Thema, wenn ganze Ligen den Spielbetrieb aussetzen“, gestand der Vorstandschef, um geduldig zu erläutern, warum sich Behörden und Verein für eine Austragung mit Publikum entschieden. „Wir hatten mit Stand Spielbeginn vier Infizierte in Leipzig. Wenn wir dieses Spiel abgesagt hätte, wäre das mehr Panik als eine realistische Einschätzung der Situation gewesen.“ Das Gesundheitsamt habe völlig richtig gehandelt. „Dagegen haben wir uns nicht gewehrt. Aber es ist eine stündliche Betrachtung. Wir entziehen uns nicht der Verantwortung.“

Aber fast trotzig merkte der 44-Jährige an: „Ich freue mich übers Viertelfinale und lege mich heute ins Bett und denke nicht über Corona nach, sondern denke, yes, wir haben es geschafft.“ Der im Zeichen der Dose stehende Betrieb am Cottaweg, der so vieles anders macht als die Konkurrenz, als virenfreie Sonderzone. Die Entscheidung steht aus, ob die Ränge auch im Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Freiburg (Samstag 15.30 Uhr) geöffnet sein werden. „Für Geisterspiele kann grundsätzlich niemand sein“, betonte Mintzlaff, „aber wenn die Gesundheit das erfordert, müssen wir das machen.“ Es sei sicher unglücklich für die Liga, „wenn wir keine ganzheitlichen Entscheidungen haben. Denn: „Diejenigen Vereine, die keine Fans im Stadion haben, haben nicht den Vorteil eines Heimspiels. Die tolle Stimmung hat sicher dazu beigetragen, dass wir 90 Minuten Vollgas gegeben haben.“

Nun ja, vermutlich wäre an Standorten wie Köln und Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg die doppelt und dreifache Phonstärke zu hören gewesen, wenn ein namhafter Gegner aus der Premier League derart brachial auf die Bretter geschickt wird, aber die Leipziger Kurve gab sich alle Mühe: Statt anfangs eintöniger „Rasenball“-Gesänge setzten sich später die „Europapokal, Europapokal“-Chöre durch. Den meisten Applaus gab es, als Marcel Sabitzer vorzeitig das Feld verlassen durfte: Der 25-Jährige krönte seine starke Leistung mit einem Doppelpack (10. und 22.), ehe der eingewechselte Emil Forsberg mit dem ersten Ballkontakt den Schlusspunkt setzte (87.).

„Es war ein Abend für die Geschichtsbücher. Den werde ich so schnell nicht mehr vergessen“, erklärte der RB-Kapitän und erinnerte an die junge Historie des erst 2009 erschaffenen Red-Bull-Gebildes: „Wir haben uns darüber unterhalten, dass wir vor vier Jahren hier gegen Sandhausen 0:1 verloren haben. Und jetzt schlagen wir Tottenham insgesamt 4:0.“

Seit 2014 trägt der kernige Grazer das Bullenlogo auf seiner breiten Brust. Trainer Julian Nagelsmann verortete sein österreichisches Mittelfeld-Doppel mit Sabitzer und Konrad Laimer als die wahre Herzkammer seines energetischen Ensembles, das einen erstaunlichen Reifegrad bewies, obwohl die Mannschaft in der Bundesliga die Zügel hat merklich schleifen lassen. Der Coach aber wollte gar nicht meckern: „Es ist ein ganz bedeutender Moment für den Klub, weil es das erste Mal ist.“ Wie weit es in der Königsklasse noch gehen kann, hänge davon ab, „wer unser Gegner ist“.

Punkteschnitt verbessert

Auch er selbst, witzelte der 32-Jährige, komme nun in den Trainerstatistiken besser weg. „Mit Hoffenheim war die Bilanz ja eher kläglich, jetzt habe ich meinen Punkteschnitt verbessert.“ Allein die Frage nach möglichen Geisterspielen schmeckte dem fidelen Fußballlehrer kurz vor Mitternacht nicht. „Da gibt es Leute in diesem Land, die das deutlich besser wissen als ich. Ich versuche zu entscheiden, was für meine Mannschaft fußballerisch der beste Weg ist“, beschied Nagelsmann. „Ich bin sicher nicht der Einzige, der lieber mit Zuschauern spielt. Aber wenn es nicht geht, werden wir versuchen, für die Leute am Fernseher guten Fußball zu spielen.“ Darauf läuft alles hinaus. Bald wohl auch im Freistaat Sachsen.

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