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Viele Baustellen für Hansi Flick

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Von: Jan Christian Müller

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Sofort auf Betriebstemperatur: Kai Havertz., hier im Zweikampf mit dem Italiener Alessandro Bastoni.
Sofort auf Betriebstemperatur: Kai Havertz., hier im Zweikampf mit dem Italiener Alessandro Bastoni. © dpa

Der Bundestrainer ist beim 1:1 in Italien zurecht mit der Vorstellung der Nationalmannschaft unzufrieden. Leroy Sané und Timo Werner enttäuschen besonders.

Das wenige Positive vorweg: Hansi Flicks Bilanz als Bundestrainer kann sich auch nach dem Pfingstwochenende 2022 noch sehen lassen. Acht Siegen nacheinander gegen verschiedene Fußball-Zwerge folgten nun zwei 1:1-Unentschieden in den Niederlanden und Italien. Respektabel auch, dass der 0:1-Rückschlag am Samstagabend in Bologna flugs ausgeglichen werden konnte. Joshua Kimmich rundete seine gut proportionierte Vorstellung mit dem schnellen Ausgleichstor nach oben ab. Eine gewisse Widerstandskraft ist also vorhanden im DFB-Team.

Insgesamt aber: allgemeine spielerische Tristesse, mangelnde Intensität, oft unpräzises Passspiel, eine gewisse Phantasielosigkeit, flaue Chipbälle, kaum Druck über die Außen, zu selten ausreichend multiple Strafraumpräsenz. Am Dienstagabend in München gegen England gibt es eine Menge Luft nach oben in der Nations League.

Gut, dass Flick sich gar nicht erst darin versuchte, verbale Kringel zu drehen und irgendetwas schön zu reden. Sondern in aller Klarheit von einer „Mannschaftsleistung sprach, die nicht unser Anspruch sein kann“.

Das ist deshalb ernüchternd, weil der Gegner zwar Italien hieß, der jedoch, erstens, lediglich mit einer B-Elf angetreten war. Und zweitens, weil die deutsche Mannschaft sich ja nicht erst zwei Tage zuvor getroffen und nur einmal seriös miteinander trainiert hatte. Dann wäre manche fehlende Abstimmung leichter nachvollziehbar gewesen. Tatsächlich hat Flick seine Männer aber bereits seit zwei Wochen beieinander. Acht Übungseinheiten, zusätzliches Standardprogramm, diverse Video- und Taktiksitzungen haben in Marbella und Herzogenaurach stattgefunden. Davon, dass Automatismen greifen, war indes nicht viel zu sehen in Italien.

Hinzu kommt die anhaltende Formschwäche von Spielern wie Leroy Sané und Timo Werner. Beide können mit der abgelaufenen Saison in ihren Klubs FC Chelsea und Bayern München alles andere als zufrieden sein. Beide müssen mächtig draufpacken, wenn sie ihre bisher von Flick treu vergebenen Stammplätze im DFB-Team verteidigen wollen. So reicht das nicht.

Das dürfte auch für die Außenverteidigerpositionen gelten, wie die Sturmmitte seit vielen Jahren schon eine Problemzone des deutschen Spiels. Weder rechts Benjamin Henrichs noch links Flicks Lieblingsspieler Thilo Kehrer präsentieren mehr als soliden Schnitt. Flick setzte auf den im Klub verbesserten Leipziger Henrichs und den bei Paris Saint-Germain schon lange nicht mehr der regelmäßigen Startelf angehörenden Kehrer, weil er sich von beiden mehr Stabilität in der Defensive verspricht als von den anderen Kandidaten. Jonas Hofmann rechts und David Raum links haben freilich als Einwechselspieler deutlich mehr Dynamik nach vorn präsentiert (ebenso wie der für den wiederum enttäuschenden Sané eingewechselte Jamal Musiala).

Der Abwägungsprozess ist komplex für den Bundestrainer. Würde er den zwei offensiven Sechsern Kimmich und Leon Goretzka zwei nach vorn ausgerichtete Außenverteidiger an die Seite stellen, könnte das auf höchstem Niveau zu große Räume dahinter eröffnen. Flicks Vorgänger Joachim Löw ist dieses Risiko bei der kolossal gescheiterten WM 2018 eingegangen und enttarnte diesen Wagemut im Rückblick als Arroganz. Flick ist also gewarnt vor dieser konkreten Gefahr.

Löw wurde zum Ende seiner Dienstzeit auch dafür kritisiert, dass er für den hochbegabten Kai Havertz nicht immer einen Platz in der Startelf gefunden hatte. Offenbar hat Flick ein ähnliches Problem. Ein Problem, für das sich tunlichst eine Lösung finden sollte. Das hat der eingewechselte Havertz nicht nur mit seiner Vorarbeit zum einzigen deutschen Tor bewiesen, sondern schon über die ganze Saison hinweg in der Premier League.

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