Beim DFB ist sich mancher sicher: Wolfgang Niersbach (3.v.r) wäre noch Präsident, hätte er in der WM-Affäre klüger agiert.
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Beim DFB ist sich mancher sicher: Wolfgang Niersbach (3.v.r) wäre noch Präsident, hätte er in der WM-Affäre klüger agiert.

DFB

Viele Baustellen beim DFB

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Vor fünf Jahren forderte der ehemalige DFB-Chef Niersbach die Fifa ultimativ auf, Korruption zu bekämpfen – bald darauf musste er zurücktreten. Seinen Nachfolger beschäftigt die Sommermärchen-Affäre noch immer.

DFB-Präsident Fritz Keller hat gerade wieder in einer Menge Baustellen zu buddeln. Just diese Woche sah man den 63-Jährigen ziemlich perplex vor Papieren sitzen, die ihm die Redakteure der ARD-Dokumentation „Hau rein die Pille“ über den verbreiteten Einsatz von Schmerzmitteln im Fußball vorgelegt hatten. Keller zeigte sich „schockiert“ von den Ergebnissen einer Umfrage der Filmemacher, wonach 47 Prozent der Befragten (zumeist Amateurspieler) mehrmals pro Saison schmerzlindernde Medikamente zu sich nähmen, um einsatzbereit zu sein. 21 Prozent täten das gar einmal oder mehrfach pro Monat. Keller will in dieser Angelegenheit nun tätig werden: „Da müssen wir unbedingt an unsere Landesverbände gehen und über Trainer eine Sensibilisierung hinkriegen.“

Es gibt noch ein paar mehr Baustellen im DFB, der immerhin die Baustelle „Wiederaufnahme der Dritten Liga“ unter mächtigem öffentlichen Getöse erst einmal zugeschüttet hat. Dort spielen sie nun allesamt recht brav wieder.

Das tut die Nationalmannschaft, die eigentlich in diesen Tagen ihr EM-Auftaktspiel gegen Frankreich absolvieren sollte, noch nicht. Die bis zu acht Länderspiele mit entsprechenden Einnahmen aus Medienerlösen und Sponsoring in diesem Herbst werden im Verband sehnlichst erwartet, um eine im schlechtesten Fall 77 Millionen Euro große Deckungslücke weitgehend schließen zu können. Die Herausforderung, die Manager Oliver Bierhoff konzeptionell lösen soll: Wie kriegt der DFB die Nationalspieler aus verschiedenen europäischen Metropolen in Corona-Zeiten möglichst gefahrlos zu den Austragungsorten und wieder zurück?

Die echte Baustelle an der Frankfurter Galopprennbahn liegt derweil im Plan und macht weitere Fortschritte. Gerade beschäftigen sie sich im Verband damit, das Innenleben des 150-Millionen-Euro-Projekts DFB-Akademie auszugestalten; etwa die beste bauliche Antwort auf die Frage zu finden, wie der Anschluss der Spielfelder an den Kabinentrakt, das Technologie Labor (TechLab) und das medizinische Zentrum am besten aussehen könnte, um kurze Wege zu gewährleisten.

Die ebenfalls beachtenswerte Baustelle, wann der Trainings- und Spielbetrieb an der Basis umfassend wieder aufgenommen werden kann, klafft noch eine Zeit lang. Der DFB befindet sich dazu im Austausch mit der Politik, die letztlich entscheidet, wann auch auf Amateur-Fußballplätzen Abstandsregeln komplett fallen dürfen (die FR berichtete).

Und noch eine Baustelle gibt es, eine, die Keller höchstselbst noch einmal ausgehoben hat und mittels einer sogenannten Generalinventur und eigens angeheuerten Detektiven wieder schließen möchte: der Sommermärchenskandal, der im Oktober 2015 durch einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ ruchbar wurde. Vor allem die Monate Juni bis November 2015 will Keller noch einmal mithilfe der angeheuerten Spürnasen und deren Fertigkeiten der Kriminalistik und Forensik erforschen.

Da trifft es sich, dass es fast auf den Tag genau fünf Jahre her ist, als der am 9. November 2015 über diese Sommermärchenaffäre gestolperte damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach einen Offenen Brief an die Fifa veröffentlichte. Darin gab er den Saubermann des internationalen Fußballs und forderte den damaligen Fifa-Boss Sepp Blatter zum sofortigen Rücktritt auf. War es ein verzweifelter Befreiungsschlag eines sich zunehmend in die Enge getrieben fühlenden damaligen DFB-Chefs? Niersbach schrieb damals unter anderem Sätze, die im Lichte der dunklen Machenschaften um die WM 2006 heute wie Realsatire nachklingen. Etwa: „Korruption darf im Fußball keinen Platz haben.“ Oder: „Für künftige WM-Vergaben muss ein transparentes Verfahren entwickelt werden.“ Oder: Es seien „noch stärkere Kontrollen der Geldflüsse notwendig“.

Niersbach schloss damals seinen elektronischen Brief: „Liebe Freunde des Fußballs. Es ist traurig zu sehen, wie Gier und fehlende Moral einiger Weniger den gesamten Fußball unter einen Generalverdacht stellen, bis hin zu unserem wunderbaren „Sommermärchen“, für das sich so viele Menschen mit großem Idealismus eingesetzt haben. Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden agiert.“

Die Veröffentlichung des mehrseitigen Schreibens ist im Nachhinein deshalb so besonders interessant, weil Niersbach nach Aktenlage genau eine Woche zuvor beim Fifa-Kongress in Zürich über den ehemaligen Beckenbauer-Spezi und WM-Bewerbungs-Strippenzieher Fedor Radmann darüber in Kenntnis gesetzt worden war, dass alsbald unbequeme Zahlungflüsse im Zusammenhang mit der WM 2006 öffentlich werden könnten. Es ging um jene berühmten 6,7 Millionen Euro Schulden des WM-Chefs Franz Beckenbauer beim ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus aus dem Jahr 2002, die der DFB 2005 als verkappten Zuschuss zu einer WM-Feier an ein Fifa-Konto überwiesen hatte, von wo es postwendend zu Louis-Dreyfus weitergeleitet wurde. Was mit dem Geld 2002 passierte, nachdem es von einem Beckenbauer-Konto nach Katar transferiert worden war und wozu es diente, ist bis heute unbekannt.

Bekannt ist hingegen, dass die Sekretärin von Niersbach am 22. Juni 2015, also genau zwölf Tage, nachdem der damalige DFB-Präsident seinen Aufruf zur Sauberkeit öffentlichkeitswirksam an die Fifa geschickt hatte, einen Aktenordner mit der Aufschrift „Fifa 2000“ aus dem DFB-Archiv entnahm. Der Ordner ist seitdem nie mehr aufgetaucht. Man kann leider nur den dringenden Verdacht hegen, welch hochgradig toxischen Papiere sich darin versteckt haben dürften. Es wäre höchst verwunderlich, wenn diese Papiere nicht längst geschreddert wären.

Die Akten der ermittelnden Frankfurter Staatsanwaltschaft, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, verraten zudem, dass Niersbach sein privates E-Mail-Postfach „bereinigt“ hätte, ehe die Fahnder es am 3. November 2015 bei einer Razzia zur Einsicht erhielten.

Im DFB glauben führende Mitarbeiter, der aktuelle DFB-Präsident könnte bis heute Wolfgang Niersbach heißen, wenn er das Präsidium zeitnah im Juni 2015 umfassend über die verstörenden Entwicklungen aus den Jahren 2000 bis 2005 informiert hätte. Stattdessen schrieb er lieber einen Offenen Brief an die Fifa.

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