Kein Streit unter den Alphatieren: Oliver Bierhoff und Joachim Löw (rechts) verstehen sich.
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Kein Streit unter den Alphatieren: Oliver Bierhoff und Joachim Löw (rechts) verstehen sich.

Kommentar

Viel Rauch um wenig

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Dissonanzen zwischen Bierhoff und Löw? Weit gefehlt. Bierhoff ist zwar qua Direktorenposten Vorgesetzter des Bundestrainers, in der Realität begegnen sie sich jedoch auf Augenhöhe. Ein Kommentar.

Oliver Bierhoff hat der „FAZ“ ein Interview gegeben, das für Wirbel sorgt. Der DFB-Direktor und Teammanager in Personalunion ließ sich so zitieren: „Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit.“ Klingt vordergründig nach einer Drohung. Nach der Drohung nämlich, dass Löw gefeuert würde, sollte es im nächsten Sommer zu viele Schlaglöcher auf diesem Weg geben. Wäre das Verhältnis zwischen Bierhoff, 52, und Löw, 60, nicht so dermaßen vertrauensvoll, könnte der oberflächliche Beobachter zum Schluss kommen, dass sich die beiden inzwischen so gern haben wie, sagen wir: Präsident Keller und Generalsekretär Curtius.

Aber gemach: Von den Dissonanzen in der Führungsetage sind Bierhoff und Löw ein Stockwerk tiefer weit entfernt. Zwar ist der Jüngere qua Direktorenposten Vorgesetzter des Bundestrainers, in der Realität begegnen sie sich jedoch auf Augenhöhe. Tatsächlich fühlten sie sich anfangs auch vertraglich als Schicksalsgemeinschaft, ehe Bierhoff vom damaligen Präsidenten Theo Zwanziger vor zehn Jahren bedeutet wurde, dass sein Vertrag keineswegs an den von Löw gekoppelt ist. Es hatte seinerzeit einen heftigen Streit gegeben, weil Bierhoff als Verhandlungsführer für sich und das gesamte Trainerteam nach Ansicht der Verbandsführung unredlich hohe Forderungen gestellt hatte. In die WM 2010 ging Löw ohne neuen Vertrag - und ist bis heute (mit laufendem Kontrakt bis 2022) geblieben. Auch vor diesem Hintergrund ist die Aufregung um Bierhoffs Statement übertrieben.

Offenbar diente der Hinweis des noch zwei Jahre länger als Löw vertraglich an den DFB gebundenen Verbandsstrategen vornehmlich der Botschaft an die kritische Öffentlichkeit: Seht her, Leute, Löw muss Leistung bringen, er kann nicht tun und lassen, was er will. Tatsächlich weiß Bierhoff am allerbesten, dass dieser Bundestrainer natürlich tut, was er denkt, weil er sonst einer seiner bedeutendsten Stärken beraubt wäre. Und Löw weiß, dass er sich der Rückendeckung des Teammanagers sicher sein kann. Daran ändert auch dieses Interview nichts.

Beide zusammen haben inzwischen kapiert, dass sie seit der WM 2018 - als eine fußballbetriebsbedingte Kündigung wegen unerträglicher Übervermarktung (Bierhoff) und fahrlässig vercoachten Vorrundenspielen (Löw) rechtmäßig gewesen wäre - auch zur Belastung geworden sind. Wahr ist aber auch: Die strategische Entscheidung für den neuen Weg eines Umbruchs ohne die Weltmeister Hummels, Müller und Boateng haben sie gemeinsam getroffen. Dazu sollte Bierhoff stehen. Ansonsten wäre er mit seinem Netzwerk sicher auch kein schlechter Mann als Nachfolger für DFL-Boss Christian Seifert.

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