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Nicht goldenen, sondern allenfalls silbernen Glanz verbreitet derzeit die Fußball-Bundesliga. DFL-Chef Christian Seifert will mehr.

Bundesliga

Viel Geld, aber zu wenig Ertrag

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Die Bundesligateams haben im Jahr 2016/2017 insgesamt 3,24 Milliarden Euro Umsatz gemacht. DFL-Boss Christian Seifert spricht von "schmerzlichen Analysen", um den deutschen Fußball voranzubringen.

Christian Seifert ist verschnupft. Man kann das getrost im doppelten Sinne interpretieren. Gesundheitlich plagt den Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga eine mittelschwere Grippe, eigentlich hätte der 48-Jährige am Donnerstag mit warmen Wadenwickeln ins Bett gehört, beruflich war das unmöglich, war doch bereits seit Monaten ein unverrückbarer Fixtermin im fünften Stock der Frankfurter Zentrale angesetzt: die Präsentation der nicht mehr ganz so dynamischen Konjunktur im deutschen Lizenzfußball mitsamt der Aussichten für die Zukunft.

Um die ist ihm durchaus bang, und dass der mächtigste Mann im deutschen Profifußball manche Entwicklungen mit einem gewissen Gefühl der Ohnmacht erleben muss, sorgt dafür, dass er auch ohne grippalen Virus verschnupft ist. Verschnupft vor allem darüber, dass die Bundesligaklubs mit dem vielen, vielen Geld, das sie Jahr für Jahr vor allem aus sprudelnden TV-Erträgen, Sponsoring, Eintrittsgeldern, Transfers und Merchandising einnehmen, womöglich sportlich nicht das Optimum erreichen.

Seifert fragt sich und die Klubmanager: „Machen wir das Bestmögliche aus dem Geld?“ Und er antwortet der Einfachheit gleich selber: „Ob wir diese Frage mit ,ja‘ beantworten können, bezweifele ich.“ Die Bundesliga sei nach der Premier League die europäische Spielklasse mit dem zweithöchsten Umsatz. „Wir müssen aufhören, uns an dem englischen Umsatz arm zu gucken“, fordert der international bestens verdrahtete Chief Executive Officer der Liga, „wir haben sehr gute finanzielle Voraussetzungen und müssen aus unseren Möglichkeiten mehr machen.“

Seifert schlägt vor, „schmerzliche Analysen“ nicht auszulassen, „tiefgreifend miteinander zu diskutieren“, und zwar sowohl über das unbefriedigende internationale Abschneiden, die Trainerausbildung und Spielphilosophie als auch über die Frage: „Hat die Ausbildung bei uns noch das Niveau, das sie haben muss?“ Seifert hört sich skeptisch an und erhält Unterstützung von Fachleuten wie dem jüngst zum Direktor Nationalmannschaften und Fußball-Entwicklung im Deutschen Fußball-Bund aufgestiegenen Oliver Bierhoff. Dessen betrübliche Erkenntnis hört sich zusammengefasst so an: „Wir Deutschen waren in den letzten Jahren sehr systemverliebt und haben es im Zuge dessen verpasst, mehr individuelle Technik zuzulassen.“ Mit der Folge: „Da, wo wir vor Jahren noch sechs herausragende Spieler in einem Jahrgang hatten, sind es jetzt oft nur noch drei.“

Mit geringeren Investitionen in die Talentausbildung hierzulande hat das nichts zu tun. In die Nachwuchsleistungszentren flossen in der Saison 2016/17 alleine 163 Millionen Euro, die Hälfte mehr als noch vor fünf Jahren. Man muss allerdings befürchten, dass ein Großteil dieses zusätzlichen Geldes in Spielergehältern unterging.

Der Gesamtumsatz der ersten Liga stieg in 16/17 nur noch von 3,24 Milliarden Euro auf 3,37 Milliarden Euro und damit um vier Prozent, nachdem er in 2015/16 noch von 2,62 Millionen Euro um fast 24 Prozent gehüpft war. Die Aussichten für die Zukunft lassen allerdings auf eine wieder zunehmende Dynamik schließen. Dank des auf 1,16 Millionen Euro pro Saison und damit um 80 Prozent gestiegenen TV-Vertrags dürfte alleine die Erste Bundesliga bis zum Jahr 2021 die Vier-Milliarden-Euro-Latte übersprungen haben. Derzeit schafft sie das nur gemeinsam mit der zweiten Liga, die einen kleinen Umsatzsprung von 608 auf 635 Millionen Euro machte und damit laut Seifert finanziell besser ausgestattet ist als die spanische und italienische zweiten Liga zusammen.

Was die Mehrzahl der Auftritte von Bundesligaklubs auf europäischem Terrain betrifft, geht Seifert „davon aus, dass die Vereine registriert haben, dass das Abschneiden in diesem Jahr ein Ausrutscher war“. Und er wies darauf hin, dass allein der FC Bayern für 27 Prozent der Bonuspunkte für die bedeutende Uefa-Rangliste verantwortlich ist, 28 Prozent kommen von den Europa-League-Startern, ergo: „Wir müssen die Europa League einfach ernster nehmen“, damit keine der mühsam gewonnen vier Champions-League-Plätze wieder verloren gehen. Seifert erwartet ein „klareres Bekenntnis und den eigenen Anspruch, die Bundesliga international zu vertreten“. Das habe auch mit der „generellen Einstellung zu tun“. Er hoffe, die aktuelle Saison habe dahingehend „etwas Heilsames“ bewirkt und „der eine oder andere sich wieder mehr anstrengen wird.“

Eine - längst überfällige - Generaldebatte will das Bundesliga-Brain auch für die 50+1-Regel anschieben. „Das wird keine Hinterzimmerdiskussion“, die sich bis zum Jahresende ziehen dürfte. Seifert möchte die Debatte „fundiert führen“. Es sei wenig zielführend, merkte er mit Blick auf verschiedene Beiträge von Klubvertretern an, auf dem Niveau ,Kommt jetzt ein Scheich oder ein Russe?‘ zu diskutieren, sondern weg von Polemik und Untergang des Abendlandes“. Das steht nämlich, was den deutschen Profifußball angeht, noch fest und zahlt brav 1,17 Milliarden Euro Steuern per anno: „Wer auch immer Finanzminister wird – er kann auf die Bundesliga zählen“

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