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Nicht dein Ernst, oder? Die Bremer Profis beklagen sich bei Schiedsrichter Daniel Siebert nach der Elfmeterentscheidung im Spiel gegen Bayern München.

Schiedsrichter

Video-Assistent: Die Stimmung bei den Schiedsrichtern ist eher moll

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Videoschiedsrichterboss Drees ist extrem unzufrieden, der DFB setzt Kampka ab - und erhält Lob aus Bremen.

Die Gemüter haben sich ein wenig beruhigt, das grundsätzliche Unverständnis über die folgenreiche mutmaßliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters Daniel Siebert im Pokalhalbfinale zwischen Werder Bremen und Bayern München ist geblieben. Und zwar nicht nur bei Menschen, die dem FC Bayern nicht zugeneigt sind, sondern auch bei Thomas Müller. Der Bayernstürmer revidierte seine Einschätzung zur fraglichen Szene, in welcher der Bremer Theodor Gebre Selassie den Münchner Kingsley Coman im Strafraum mit Arm und Ellbogen berührt hatte, in einer Videobotschaft ausdrücklich.

„Aus dem Spiel heraus sah es für mich ganz klar wie ein Elfmeter aus, wie ein klarer Schubser von hinten. Ich denke, der Schubser ist auch da“, bekundete Müller. „Es ist auch ein Foulspiel – allerdings kein Foulspiel, das in dieser Situation für einen Elfmeter ausreicht.“ Der Ex-Nationalspieler war zuvor in den sozialen Netzwerken heftig kritisiert worden, nachdem er im Nachgang des 3:2-Sieges gesagt hatte, er halte die Entscheidung für „richtig“.

Spektakuläre Zugriffsraten erreichte auch eine Meldung der Satirewebseite „Postillon“ unter der Überschrift „Nach Brutalo-Foul: Wird Coman je wieder spielen können?“ – der Angreifer bange nach dem „üblen karateartigen Schlag“ nun „um seine Sportlerkarriere“.

Dem Deutschen Fußball-Bund ist die für das viel kritisierte hiesige Schiedsrichterwesen unangenehme Debatte indes viel ernster. Erste Konsequenz: Robert Kampka, im Hauptberuf Truppenarzt beim Sanitätsversorgungszentrum in Mainz, der es als Videoassistent versäumt hatte, den 34-jährigen Unparteiischen Siebert ausdrücklich aufzufordern, sich die strittige Szene noch einmal in der Review Area anzuschauen, wurde als vorgesehener Vierter Schiedsrichter des Bremer Auswärtsspiels am Samstag in Düsseldorf abgezogen. Eine Geste der Diplomatie, die Werder Bremens Sportchef Frank Baumann als „kluge Entscheidung“ begrüßte.

Fehler in der Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Videoassistent

Ebenso positiv reagierte Werder-Trainer Florian Kohfeldt auf das Eingeständnis des der DFB-Videoschiedsrichterchefs Jochen Drees, es habe einen Fehler in der Kommunikation zwischen Schiri Siebert und Videoassistent Kampka gegeben. „Grundsätzlich finde ich das gut“, sagte Kohfeldt am Freitag. „Es ist eine ehrliche Aussage.“

Ohnehin hat Werder Bremen, insbesondere Coach Kohfeldt, bundesweit reichlich Lob für den fairen Umgang mit der schmerzhaften Niederlage erhalten. Auch das Bremer Publikum konzentrierte sich nach dem Spiel lieber darauf, die eigenen Spieler zu feiern, als den Referee mit Schmähbekundungen zu verabschieden.

Grundsätzlich aber ist ein Missverhältnis in der Beurteilung von Strafraumszenen offenkundig. So entschied Schiedsrichter Sascha Stegemann erst neulich selbst nach Studium der Bilder in der Review Area, dass ein klares Foulspiel des Schalkers Jeffrey Bruma gegen den Frankfurter Ante Rebic nicht ahndungswürdig gewesen sei – und hinterließ dabei Kopfschütteln nicht nur aus der Frankfurter Entourage. Die Aufregung wurde durch den späten Eintracht-Sieg entsprechend abgemildert.

Ebenso verhielt es sich eine Woche später, als der Augsburger Marco Richter nach einem klaren Foul des Frankfurters Almamy Touré zu Boden ging, Schiedsrichter Bastian Dankert aber nach kurzer Rücksprache mit dem Videoassistenten dennoch auf die Hinzuziehung von Bildern verzichtete. Augsburg gewann 3:1 – die Aufregung verflüchtigte sich. Im Gegensatz zum 1:1 der Hannoveraner bei Mainz 05 im vergangenen Dezember, als der Mainzer Jean-Philippe Mateta im Strafraum aus freien Stücken zu Boden ging und Schiedsrichter Schiedsrichter Florian Hartmann Strafstoß pfiff. Keine Intervention aus Köln, Ausgleich vom Punkt für Mainz. Ärger ohne Ende.

Viel Raum für das Thema Video Assistant Referee

Die Stimmung im Lager der 46 Schiedsrichter der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga ist eher moll. Bei der Rückrundenvorbereitung, die erstmals an der portugiesischen Algarve stattfand, nahm das Thema Video Assistent Referee (VAR) breiten Raum ein. Mit ernüchternden Folgen. Schon Ende 2018 ärgerte sich Drees an einzelnen Spieltagen über ein „überraschend unterschiedliches Leistungsbild“. Jetzt sagt der Videochef unter dem Eindruck der Geschehnisse von Bremen im SWR, die Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter und Videoassistent funktioniere in Drucksituationen „nicht immer so, wie wir das in der Theorie üben. Das ist sicherlich ein menschlicher Faktor, der uns aber auch vor Augen führt, dass wir da noch viel zu tun haben und noch lange nicht da sind, wo wir eigentlich hinwollen.“ Deutlicher könnte ein DFB-Verantwortlicher seine Unzufriedenheit und Verärgerung kaum äußern.

Die Verunsicherung unter den Spitzenreferees ist groß. Drees hatte mehrfach die Doktrin des VAR so beschrieben: „Der Videoassistent ist nicht dafür da, aus einer schlechten Entscheidung eine bessere zu machen, sondern nur, um bei klaren und offensichtlichen Fehlbeurteilungen der Schiedsrichter diesen gegebenenfalls eine erneute Sichtung sowie Beurteilung der Bilder am Monitor in der Review Area zu ermöglichen.“ Da stellt sich die Frage: Wo hört eine schlechte Entscheidung auf und fängt eine falsche Entscheidung an? Ex-Bundesligaschiedsrichter und Sky-Experte Peter Gagelmann widersprach im OnlinePortal Deichstube der Einschätzung von DFB-Mann Drees zur Situation im Bremer Strafraum: „Das war halt eine typische Kannste-musste-aber-nicht-Entscheidung. Die TV-Bilder waren nicht klar genug, um in die eine oder andere Richtung zu entscheiden, also bleibt es bei der Wahrnehmung auf dem Platz.“

Einer der anerkannt besten hiesigen Unparteiischen, der Berliner Manuel Gräfe, führte kürzlich in der Sport1-Sendung „Doppelpass“ aus, es sei Zeit für die Einführung des Profireferees: „Die meisten gehen immer noch montags bis freitags arbeiten und sollen dann am Samstag Topleistung bringen“ – ergo: „Struktur, Vorbereitung, Rahmenbedingungen: Da gibt es noch viele Sachen, die man verbessern kann.“

Videoschirichef Drees macht sich nichts vor: „Jeder, der geglaubt hätte, dass der Videobeweis ein diskussionsloses Feld hinterlässt, ist mit dem falschen Ansatz rangegangen. Der Videoassistent wird auch in Zukunft Diskussionspotenzial bieten.“ Aber Drees würde das Potenzial gern erheblich verringern.

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