FR-Bundesliga-Tipptabelle (11)

VfL Wolfsburg: Suche nach der Freude

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    vonFrank Hellmann
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Der Werksverein spielt das zweite Mal hintereinander europäisch, aber irgendwie will keine richtige Begeisterung aufkommen.

VfL Wolfsburg: Der Werksverein spielt das zweite Mal hintereinander europäisch, aber irgendwie will keine richtige Begeisterung aufkommen.

Ist das Glas am Mittelandkanal nun halb voll oder halb leer? Diese Frage wird beim VfL Wolfsburg häufiger gestellt, nachdem die Werkskicker nach Platz sechs im Vorjahr nun auf Rang sieben landeten. Und sich damit wiederum über die Hintertür erneut für die Europa League qualifizieren können. Gleichwohl stellt eine Platzierung zwischen der TSG Hoffenheim und dem SC Freiburg nicht wirklich zufrieden. Dafür gibt es gute Gründe.

Wie ist die Stimmung?

Könnte besser sein. Kürzlich im Testspiel gegen den Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig (0:1) gerieten Daniel Ginczek und Wout Weghorst nicht das erste Mal aneinander. In dem Disput der stürmenden Egomanen steckt einige Brisanz. Zum einen ist es ein offenes Geheimnis, dass die beiden Angreifer sich nicht mögen. Zum anderen könnte der beste Torschütze Weghorst, der in seinen ersten beiden Bundesligaspielzeiten in 66 Einsätzen immerhin 33 Treffer erzielte, seinen Abschied forcieren. Der Niederländer fiel im Trainingslager mit negativer Körpersprache auf. Führungsprobleme deuten sich an, wenn der Torjäger beleidigt wirkt und der für den Zusammenhalt wichtige Kapitän Josuha Guilavogui sportlich keinen Stammplatzanspruch hat. Die Suche nach einem verlässlichen Abwehrchef hinzugenommen, bieten sich große Baustellen.

Wie stark ist der Kader?

Gemessen an der weiterhin fürstlichen Entlohnung sind die „Wölfe“ fast ein Champions-League-Anwärter. Bei 131 Millionen Euro lagen die Personalkosten für die gesamte Fußball GmbH in der Saison 2018/2019 – nur Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen gaben für Gehälter damals mehr Geld aus. Geschäftsführer Jörg Schmadtke hat immer noch Mühe, die üppigen Garantiegagen für Mitläufer - Hinterlassenschaften seines Vorgängers Olaf Rebbe – zu reduzieren. In Corona-Zeiten ist das fast unmöglich. Weiterhin verkörpert der VfL auf wichtigen Positionen überdurchschnittliches Niveau: Koen Casteels wird in der Rangliste vom Fachmagazin „Kicker“ als sechstbester Torwart geführt. Sollte Wout Weghorst wieder bessere Laune bekommen, hätte das Team einen echten Knipser, der jederzeit den Unterschied machen und Mitspieler mitreißen kann.

Worauf steht der Trainer?

Der Österreicher Oliver Glasner ist ein ehrgeiziger, ehrlicher, nüchterner, aber auch zurückhaltender Trainer, dem eine größere Strahlkraft trotz allen Bemühens fehlt. Offenbar ist auch der Funke zu seiner Mannschaft noch nicht übergesprungen. So soll der Ex-Linzer zu seinen Spielern wie nach dem 4:1 auf Schalke am vorletzten Spieltag gesagt haben: „Freut euch doch mal!“ Der 45-Jährige bevorzugt den analytischen Ansatz. Er scheiterte aber damit, das 3-4-3 als Standardformation zu etablieren. Bei seinem Team sah vieles nach Arbeit aus, Spektakel bot die gut bezahlte Truppe selten an. Jetzt sagt der Trainer: „Wenn ich das Gefühl habe, dass wir stagnieren, werde ich unzufrieden, vielleicht auch mal ungemütlich.“

Die Bundesliga-Tipptabelle der FR-Redaktion für die Saison 20/21

PlatzVerein
1noch nicht gesetzt
2noch nicht gesetzt
3Borussia Mönchengladbach (4)
4noch nicht gesetzt
5Hertha BSC Berlin (10)
6Bayer Leverkusen (5)
7noch nicht gesetzt
8TSG Hoffenheim (6)
9VfL Wolfsburg (7)
10FC Augsburg (15)
11Union Berlin (12)
12noch nicht gesetzt
13Werder Bremen (16)
14Mainz 05 (13)
15noch nicht gesetzt
16VfB Stuttgart (-)
17noch nicht gesetzt
18Arminia Bielefeld (-)

In Klammern: Platz in der letzten Saison

Wo hapert’s noch?

Schon vor der Pandemie beklagten die Niedersachsen fehlende Begeisterung. Beobachter konstatierten, dass der Funke nicht vom Trainer auf die Spieler, von den Spielern nicht auf die Zuschauer überspringt. Die vielen freien Plätze bei Bundesliga-Heimspielen waren in der werkseigenen Arena nicht zu übersehen, die Europa-League-Gruppenphase lieferte im Grunde fast schon einen Vorgeschmack auf jene Geisterspiele. Da VW erheblich unter der Corona-Krise leidet, ist die erkleckliche Förderung des Profifußballs am Hauptstandort nur zu rechtfertigen, wenn der Spaßfaktor wieder steigt.

Wer sticht heraus?

Eine absolute Identifikationsfigur stellt Maximilian Arnold dar. Niemand ist so lange im Verein wie der in Riesa geborene Mittelfeldspieler, der bereits in der Jugend zum Werksklub kam und mit seiner offenen Art auch bei den Fans beliebt ist. Neben Torjäger Weghorst hat eigentlich Josip Brekalo viele gute Anlagen. Der Kroate kommt mit Vorliebe über die Flügel, ist schnell, dribbelstark, technisch gut. Doch wie schon unter Bruno Labbadia hat auch Glasner systembedingt im 4-4-4 selten eine Verwendung für den 22-Jährigen, der genau wie der in seiner Premierensaison überragende Linksverteidiger Jerome Roussillon in seiner Entwicklung stagniert.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Die VfL Wolfsburg Fußball GmbH ist zu 100 Prozent Teil der Volkswagen AG. Dementsprechend sind auch üppige Verluste von Europas größtem Autobauer abgesichert. In der Saison 2018/2018 betrug das Minus 44,8 Millionen Euro. Ein satter Fehlbetrag, der vom Mutterkonzern ausgeglichen wurde. In Corona-Zeiten wird es nicht leichter, den Gürtel enger zu schnallen und Altlasten aus den Horrorspielzeiten 2016/2017 und 2017/2018 (jeweils Rettung erst in der Relegation) abzubauen, zumal Gutverdiener kaum von der Gehaltsliste zu bekommen sind.

Was ist drin?

Der VfL Wolfsburg wird erneut eine solide Saison spielen. Aber mehr als Mittelmaß ist wegen der schwierigen Stimmungslage nicht drin.

Rubriklistenbild: © AFP

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