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Markus Weinzierl: Seine Zeit beim VfB Stuttgart ist vorbei.

VfB Stuttgart

Hitzlspergers gut gemeinter Fehler

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Die Trennung von Markus Weinzierl könnte beim VfB Stuttgart zu spät gekommen sein.

Thomas Hitzlsperger hat nicht großartig drumherum geredet am Morgen danach: „Dieses Ostern ist versaut.“ Der Sportvorstand des VfB Stuttgart war am Ostersonntag in der Frühsendung von Sky zugeschaltet worden. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Noch weit vor Mitternacht, exakt um 21.48 Uhr, hatte der VfB die Trennung von Markus Weinzierl bekanntgegeben. Es war die erwartete Reaktion. Sie war nach allen Regeln des Profigeschäfts geradezu unausweichlich.

Hitzlsperger und Weinzierl hatten sich nach dem desaströsen 0:6 beim FC Augsburg und einer relativ kurzen Fahrt nach Stuttgart zusammengesetzt. Dem Trainer war klar, dass es ein unangenehmes Gespräch werden würde angesichts seiner Bilanz von nur 16 Punkten in 23 Spielen, davon nur sieben in der Rückrunde. „Markus war genauso getroffen wie ich, dass es so weit gekommen ist“, berichtete Hitzlsperger, der eigentlich ohne große Überzeugung bis zum Saisonende am Trainer hatte festhalten wollen. „Ich wollte keine Möglichkeit auslassen, Markus den Rücken zu stärken.“ Der Ex-Nationalspieler hat das tapfer durchgehalten, obwohl er schon spürte, dass seine Strategie auf dünnem Eis gebaut war. Das Minus-Erlebnis ausgerechnet in Augsburg, wo der Trainerwechsel von Manuel Baum auf Martin Schmidt wahre Wunder bewirkt hat, machte dann die letzte Hoffnung zunichte, sich noch irgendwie durchwurschteln zu können mit Weinzierl.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Chancen des VfB Stuttgart

Hitzlsperger hatte sich schon in den Tagen und Wochen zuvor Gedanken gemacht, wie es weitergehen könnte. Seine Wahl fiel auf den bisherigen U19-Trainer Nico Willig, der die A-Junioren des VfB auf den ersten Tabellenplatz der A-Junioren-Bundesliga geführt hat: „Da ist jemand, der ist schon im Verein, der kennt die Abläufe, der muss sich nicht einleben. Das bringt mich zu der Überzeugung, dass er der Richtige ist.“ Der 38-jährige Willig absolvierte 2016 seine Fußballlehrer-Lizenz – und bildete mit den Kollegen Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco eine Fahrgemeinschaft nach Hennef. Willig soll den VfB-Profis laut Hitzlsperger „mehr Emotionalität, mehr Offensivdenken und mehr Mut“ verabreichen: „Es ist hoffentlich schnell ein neuer Spirit da, und den brauchen wir.“ Worte, die demonstrieren, wir sehr die Mannschaft unter dem zunehmende hilfloser wirkenden Weinzierl auch emotional abgewirtschaftet worden war. Das Spiel in Augsburg war ein Spiegelbild dessen.

Soll es richten: Nico Willig.

Der junge Willig, selbst vormaliger Verbands- und Oberligaspieler bei der TSG Balingen, soll lediglich übergangsweise bis zum Saisonende dafür sorgen, dass der VfB den Abstieg verhindert. „Nico hat keine Hoffnungen gehegt, darüber hinaus weiterzumachen, noch habe ich ihm das schmackhaft gemacht“, so Hitzlsperger. „Wir haben ein paar Wochen, da arbeiten wir zusammen und dann schauen wir, wie es weitergeht.“

Mehr als ein Relegationsplatz und zwei Entscheidungsspiele gegen den Dritten der zweiten Liga dürften dabei wohl kaum herauskommen, weniger durchaus. Die Schwaben liegen satte sechs Punkte und 20 Tore hinter Schalke 04, aber nur drei Zähler vor dem 1. FC Nürnberg, der dazu ein um acht Treffer besseres Torverhältnis aufweist.

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 Der Sportchef hat am Sonntag die Möglichkeit nicht verstreichen lassen, höchstpersönlich und im strengen Ton zur Mannschaft zu sprechen, Tenor: „Die Spieler müssen sehr schnell erkennen, worum es geht und das Ego hinten anstellen. Wer das nicht kapiert, darf hier keine Zukunft haben.“ Es sind die üblichen Ansprachen in Krisenzeiten.

Hitzlsperger hatte im Februar nach der Beurlaubung von Michael Reschke als Sportvorstand beim VfB übernommen und seinerzeit vermeiden wollen, sich als erste Amtshandlung sofort vom Trainer zu trennen. Ein (allerdings gutgemeinter) Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Er habe, so der 37-Jährige rückblickend, „erst einmal Kontinuität wahren“ wollen, weil genau diese Kontinuität in den vergangenen Jahren in Stuttgart nirgendwo gegeben war: nicht auf der Trainerposition (13 in fünf Jahren), nicht beim Präsidenten (drei in sechs Jahren) und auch nicht beim Sportchef (fünf in fünf Jahren).

Der Abrieb ist extrem hoch, und er dürfte noch höher werden, sollte der VfB absteigen. Der Druck auf Präsident Wolfgang Dietrich angesichts der sportlichen Lage und auch wegen eines potenziellen Interessenkonflikts aufgrund geschäftlicher Beziehungen zu anderen Vereinen (unter anderem einem möglichen Relegationsgegner Union Berlin) wächst. Der VfB-Fanausschuss hat deshalb in einem Offenen Brief Fragen an den Vereinschef gestellt und harrt der Antworten. Dünne Luft, wo man auch hinschaut beim VfB.

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