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Verzwergung der Werte von Mainz 05

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Von: Jan Christian Müller

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Ihr Verein macht gerade Schlagzeilen: Fußballprofis von Mainz 05.
Ihr Verein macht gerade Schlagzeilen: Fußballprofis von Mainz 05. © Thomas Frey/Imago

Der Fußball-Bundesligist hat Recht, dass er seinem Vertrag mit der englischen Saudi-Tochter treu bleibt, er hätte ihn aber gar nicht erst schließen dürfen. Ein Kommentar.

Niemand hat Mainz 05 dazu gezwungen, sich in drei Jahren währenden, oft mühselig kleinteiligen Debatten ein Leitbild auszuarbeiten und aufzuerlegen. Den Wertekanon im „Mainzer Weg“ hat der Klub mit großer Mehrheit verabschiedet - und jetzt mit Vollspann in die Tonne getreten.

Vereinschef Stefan Hofmann, inzwischen Vollzeit in Lohn und Brot und entsprechend hauptverantwortlich fürs Außenbild, sprach im März vorigen Jahres nach der Mitgliederversammlung bedeutungsschwanger von einer „wichtigen Leitplanke und Orientierung für unsere Vereinsarbeit“. Seit die Rheinhessen einen Test gegen Saudi-Klub Newcastle United verabredet haben, weiß man: Die Orientierung des von Sportvorstand Christian Heidel beherrschten Klubs misst sich dominant an den Leitplanken des sportlichen Erfolgs.

Das steht ehrlicherweise in dem Leitbild so unter anderem auch drin, führt aber nun zu einer Verzwergung jener umfangreichen Passagen, in denen die Nullfünfer ausdrücklich Moral vor Pragmatismus gesetzt haben. Ergo: Die wohlfeilen Worte, man sei ein Klub mit ausgeprägtem Wertebewusstsein, der gesellschaftliche Verantwortung ganzheitlich vorlebe, allzeit Haltung und Rückgrat bewahre, sind den Hirnschmalz nicht wert, der dafür verbraucht wurde, und auch nicht das Papier, auf dem sie in der Gutenberg-Stadt gedruckt wurden.

So ehrlich sollten sich die Verantwortlichen sich selbst gegenüber sein, und es hilft auch nicht, nun auf Waffengeschäfte der Bundesregierung mit den Saudis oder vormalige Beteiligungen des saudischen Staatsfonds an weiteren Wirtschaftsunternehmen über Newcastle United hinaus zu verweisen. Alle Vergleiche hinken, zumal der deutsche Profifußball nach wie vor eigene Gesetze von Anstand und Moral für sich beansprucht: die 50+1-Regel zum Beispiel, eine „Lex Bundesliga“, mit der sich der hiesige Lizenzfußball mit ausdrücklicher Unterstützung von Mainz 05 einen Schutzraum vor bösen Investoren verpasst, den es nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Was den konkreten Fall eines Testspiels gegen den hierzulande vielkritisierten Saudi-Tochter Newcastle angeht: Es ist nachvollziehbar, dass der unterschriebenen Kontrakt von Mainzer Seite trotz des Drucks von Fans und Medien nicht gebrochen wurde. Auch Vertragstreue gehört zu Anstand und Moral. Es ist allerdings überhaupt gar nicht nachvollziehbar, dass ein Klub, der mehr sein will als bloß ein lustiger Karnevalsverein, mögliche Konsequenzen nicht vorher mitdenkt - oder gar geflissentlich ignoriert.

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