Spürt Gegenwind: DFB-Präsident Fritz Keller.
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Spürt Gegenwind: DFB-Präsident Fritz Keller.

Kommentar

Verzwergter Riese

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der DFB scheint nur im Scheitern geübt zu sein. Dem bemüht wirkenden Präsidenten Fritz Keller bleibt nur eins: die Flucht nach vorne. Ein Kommentar.

Es steht außer Frage, dass die Corona-Krise auch den Deutschen Fußball-Bund in eine veritable Krise bugsiert hat. Um es genau zu nehmen: in die nächste Krise. Der Scheinriese, zermalmt zwischen überdreht durchkommerzialisierter Melkkuh Nationalmannschaft, zerrütteter und zerrissener Dritter Liga und sich zunehmend unbequemer gerierenden Landesverbänden, trägt dafür nicht die Alleinverantwortung. Aber nie zuvor ist die Verzwergung des Mammuts so deutlich geworden wie jetzt.

Es ist genau elf Jahre her, seit der damals noch recht unbekannte Ligaboss Christian Seifert durch eine Umfrage aufgeschreckt wurde, wonach 67 Prozent der Befragten irrigerweise glauben, der DFB und nicht die Deutsche Fußball-Liga DFL sei für den professionellen Fußball federführend. Einer Journalistenrunde bedeutete er damals mit Funkeln in den Augen: „Im zukünftigen Verhältnis zum DFB muss sichtbar sein, wer Lokomotive ist und wer Anhänger.“

Ein gutes Jahrzehnt später ist Seifert längst zur einzigen weithin sichtbaren Konstante im deutschen Fußball geworden. Im DFB gibt es seitdem, inklusive der zwischenzeitlich zweimal tätigen selben Interimschefs, bereits den sechsten Präsidenten: Zwanziger, Niersbach, Koch/Rauball im Tandem, Grindel, wieder Koch/Rauball, jetzt Keller. Es ist eine Geschichte des Scheiterns.

Keller will das Scheitern für sich verhindern. Kollegen aus dem Präsidium sehen im Bayern Rainer Koch den heimlichen Chef im Verband und attestieren Keller vor allem, er sei ein „lieber Kerl“. Man kann das auch als vergiftetes Kompliment für den hochdekorierten Winzer aus Südbaden auffassen, der in seiner Rolle nicht zu beneiden ist. Der 63-Jährige will als Führungskraft, wie Seifert als echter „Macher“, wahrgenommen werden und brachte deshalb als Botschaft in den bereits elften Krisen-Bundestag dieses Jahrhunderts einen ein bisschen verzweifelt anmutenden Fünf-Punkte-Plan ins Spiel, den selbst gütige Betrachter bestenfalls als eilig zusammengeschustert interpretieren. Fixe operative Ideen wie eine Massentestung auf Covid-19 in Amateurklubs mischen sich dort mit (bereits längst bekannten) strategischen Überlegungen wie der Stärkung des Ehrenamts und der (zuvor bereits von Seifert vorgebrachten) Forderung nach Gehaltsobergrenzen. Überregionale Wahrnehmung der sicher gut gemeinten Keller-Doktrin: nahe null.

Als Lackmustest für den Präsidenten gilt dessen sogenannte „Generalinventur“ des Verbands, die er gerade mithilfe von eigens angeheuerten Detektiven durchführen lässt. Sie dürfte den ohnehin klammen DFB, der schon für die Sommermärchen-Recherchen der Rechtsanwälte von Freshfields sieben Millionen Euro ausgab, nochmals einen Millionenbetrag kosten, der somit dem Amateurfußball verloren geht. Wenn dabei nichts herauskommt, wäre das eine Niederlage für Keller. Er muss jetzt mutig bleiben. Denn es gibt eine Menge Leute im Fußball, die kein Interesse daran haben, dass in altem Müll herumgewühlt wird.

Die Dritte Liga hat der DFB derweil gemeinsam mit den zerstrittenen Klubs in ein heilloses Chaos gemanagt. Der Verband spricht selbst von einem „unwürdigen Schauspiel“. Er weiß viel zu spät, dass es nicht klug war, sich mit der Dritten Liga als Anhänger an die Lokomotive DFL hängen zu wollen - der dabei abgehängt wurde und aufs Abstellgleis geriet. Und der nun von überforderten Weichenstellern auf eine schon zerstörte Strecke geführt werden soll.

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