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Leere Ränge im Pariser Prinzenpark: In diesem trostlosen Ambiente tritt Borussia Dortmund am Mittwoch bei Paris St. Germain an.

Geisterspiele

Corona schlägt durch

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In Deutschland gibt es nun die ersten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Der deutsche Fußball ist in Alarmstimmung und erwägt, die Saison mit Geisterspielen zu Ende zu bringen.

Tim Meyer erinnert sich noch gut, als er das erste Mal von den Bedrohungen durch das Coronavirus erfuhr: kurz vor dem Jahreswechsel im Urlaub. „Aber zunächst schien unklar, ob eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist. Für mich war das zunächst nur eine Infektionsmeldung, wie man sie gelegentlich hört.“ Der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der die Professur für Sport und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes besetzt, konnte zu diesem Zeitpunkt kaum ahnen, dass das Virus bald auch seinen Arbeitsbereich verändern würde. Seit zwei Wochen stimmt sich der Nationalmannschaftsarzt jeden Werktag in einer Koordinierungsgruppe ab. Anfänglich ging es nur um Auslandsreisen der DFB-Mannschaften und Mitarbeiter: Das Vorbereitungsturnier der U20-Frauen in Japan abgesagt, die Teilnahme der Frauen-Nationalmannschaft für den laufenden Algarve-Cup in Portugal genehmigt. Doch inzwischen hat das neuartige Virus auch die Herzkammer des deutschen Fußballs infiziert.

Nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) empfahl, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern vorsorglich abzusagen, um die Ansteckung einzudämmen, sind alle Spiele der Ersten und Zweiten Bundesliga, die Dritte Liga bis hinab zu Spielen in den fünf Regionalligen betroffen. Es drohen sehr bald Geisterspiele im großen Stil.

Am Montag entschied die Polizeipräfektur von Paris, das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Borussia Dortmund am Mittwoch im Prinzenparkstadion vor leeren Rängen stattfinden zu lassen, während die Stadt Leipzig die Paarung RB Leipzig gegen Tottenham Hotspur (Dienstag, 21 Uhr) vor mehr als 40 000 Menschen in der Arena genehmigte. „Diese Entscheidung gilt nur für dieses eine Spiel“, sagte Leipzigs Stadtsprecher Matthias Hasberg.

Erste Coronatote in Deutschland

In Nordrhein-Westfalen sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus am Montag zwei Menschen gestorben. Das teilten der Kreis Heinsberg und die Stadt Essen mit. In Heinsberg gibt es bislang die meisten Infektionen. In Essen starb eine 89-jährige Frau, bei der das Virus am vergangenen Dienstag festgestellt worden war. (afp/dpa)

Erst am Dienstag will die Stadt Mönchengladbach für das Bundesliga-Nachholspiel Borussia Mönchengladbach gegen 1. FC Köln (Mittwoch 18.30 Uhr) entscheiden,. „Ich finde es konsequent inkonsequent, was wir gerade tun“, schimpfte Kölns Manager Horst Heldt ob der unterschiedlichen Vorgehensweise. Er wünschte sich mehr Klarheit und Transparenz in der kritischen Situation für den Fußball.

An vielen Stellen herrschen Verwirrung und Verunsicherung. Besonders betroffen ist Nordrhein-Westfalen, wo mit Dortmund, Leverkusen, Gladbach, Schalke, Köln, Düsseldorf und Paderborn auch die meisten Bundesliga-Standorte zu finden. Muss das Revierderby zwischen BVB und Schalke am Samstag als Stimmungskiller ohne Kulisse ausgetragen werden? Das letzte Wort haben die lokalen Gesundheitsbehörden.

Gesundheitsminister Spahn möchte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) zu einer einheitlichen Vorgehensweise“ bewegen. Geschäftsführer Christian Seifert sprach am Montag von „einer Ausnahmesituation“. Eine komplette Absage des Spieltags am Wochenende sei illusorisch: „Das ist nicht zu Ende gedacht. Da gibt es Verträge, sportliche Konsequenzen. Abstiege und Aufstiege. Wir brauchen den geregelten Spielbetrieb. Aufzuhören ist keine Option. Wir haben entschieden, dass der Spieltag stattfindet, rein sportlich. Mit wie vielen Zuschauern und ob ohne, das ist eine Entscheidung, die die Behörden treffen müssen“, fügte der 50-Jährige noch an. Es stehe außer Frage, teilte die DFL bereits am Sonntag mit, „dass die Saison wie vorgesehen bis Mitte Mai zu Ende gespielt werden muss.“

Der Ball muss rollen. Notfalls vor leeren Rängen. Und das hat für die Bundesliga vor allem drei Gründe. Zum einen haben alle Verbände den Terminkalender so ausgepresst, dass Verlegungen gerade für die auf mehreren Hochzeiten tanzenden Teams quasi unmöglich sind. „Wir gehen im Moment davon aus, dass wir nach hinten im Spielplan mit DFB-Pokal-Finale, Champions-League-Endspiel und Europameisterschaft keine Luft haben“, sagt der für Fußballangelegenheiten zuständige DFL-Direktor Ansgar Schwenken. Ein allerletzter Puffer wäre – vorausgesetzt das Virus schwächt sich im Sommer ab – eine Verlegung des DFB-Pokalfinals am 23. Mai, um einen zusätzlichen Spieltermin zu gewinnen. Dann müssten sich DFL und DFB darauf verständigen, das Endspiel erst in der kommenden Saison auszutragen, sollten es Bayern München und Bayer Leverkusen bis ins Finale schaffen und beide Klubs sich bis dahin international qualifiziert haben. Schon 1974 wurde wegen Terminschwierigkeiten durch die WM das Endspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Hamburger SV (3:1 n.V.) erst am 17. August ausgetragen.

Natürlich spielen auch handfeste wirtschaftliche Interessen hinein: Ein Spieltag in der Bundesliga, das hat Seifert jüngst vorgerechnet, ist rund 30 Millionen Euro wert. Annähernd 900 Millionen Euro bezahlt pro Saison der Pay-TV-Partner Sky, vor allem für die Live-Rechte. Zuschauer in den Stadien sind eher verzichtbar, wie der jüngste DFL-Wirtschaftsreport belegt hat. Von den 4,02 Milliarden Euro Umsatz in der Bundesliga kamen 1,483 Milliarden aus der medialen Verwertung (alle Wettbewerbe), aber nur 520 Millionen aus dem Spielbetrieb.

Dritter Grund ist die juristische Unsicherheit. Sollte die Saison abgebrochen werden, kann nicht mal eben der zum Meister gekürt werden, der nach 30. Spieltagen vorne steht. Schwenken: „Das sieht die Spielordnung nicht vor. Wir müssten dafür neue Beschlüsse fassen.“ Noch ist solch ein Fall hypothetisch, aber niemand kann verlässlich sagen, was passiert, wenn die ersten Akteure erkranken.

Vorsorglich müssten dann alle Mitspieler und der gesamte Mitarbeiterstab in Quarantäne. Begegnungen aller Art, und damit auch Fußballspiele, wären unmöglich. Auch deshalb ergreifen die Vereine nun verstärkte Schutzmaßnahmen. Mehrere Vereine wiesen ihre Spieler an, vorerst keine Autogramme mehr zu schreiben und auch nicht für Fotos oder Selfies mit den Fans zur Verfügung zu stehen. Zudem wurde der Handschlag vor den Spielen ausgesetzt.

Auch Meyer kann nur empfehlen, sich an die Hygieneregeln zu halten, die beispielsweise bei der WM 2014 in Brasilien galten. „Dort war die Infektionssituation eine andere als in Deutschland, weil der Körper mit neuen Erregern in Berührung kommt und die Hygienebedingungen auch nicht überall dem deutschen Standard entsprechen“, erklärt der DFB-Arzt. „Also haben wir die Spieler darauf hingewiesen, sich mehrfach am Tag gründlich mit Seife die Hände zu waschen. Und wir haben Desinfektionsmittel verteilt, um ein sichtbares Zeichen zu setzen. Aber es gibt natürlich Regeln wie die, eine Armlänge Abstand zu halten, die in einer Fußballmannschaft nicht über 24 Stunden umzusetzen sind.“

Sollte sich das Coronavirus weltweit abschwächt haben, plädiert Meyer für ein Umdenken. „Wir erleben oft nur die Vorteile der weltweiten Vernetzung. Es gibt eine Menge von Infektiologen, die vor so etwas schon seit Jahren gewarnt haben. Wenn das Ganze überstanden ist, sollten wir gelernt haben, was unser Individualverhalten angeht“, sagt der DFB-Arzt und gibt zu bedenken: „Auch das Land China muss vermutlich daraus lernen, denn dort ist der Erreger vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Da gab es offensichtlich hygienische Bedingungen und eine Nähe zwischen Mensch und Tier, die wir hier zum Glück nicht haben, die dieses Überspringen aber begünstigt haben. Es schützt uns aber nicht davor, dass solch eine Krankheit dann recht schnell bei uns ankommt. Wir bezahlen unsere Globetrotter-Möglichkeiten mit solchen Risiken.“ Der lange gegen alle Krisensymptome resistente Profifußball inklusive.

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