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„Kenne ich so nicht vom FC Bayern“: Manuel Neuer.

Vertragspoker um Manuel Neuer

Vertrauensbruch - mit Folgen?

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Der Nationalkeeper zeigt sich schwer irritiert über die Indiskretionen beim FC Bayern bei den laufenden Vertragsgesprächen - und redet sich in einem Interview den Frust von der Seele.

Am Donnerstag, im Laufe des Tages, wurde das Verlangen immer größer. Denn das Bild, das von Manuel Neuer in den vergangenen Wochen und Tagen in der Öffentlichkeit gezeichnet wurde, war nicht mehr tragbar. Ein gieriger Multimillionär, der den FC Bayern inmitten der Corona-Krise mit unverschämten Forderungen unter Druck setzt? Das kann nicht stehen bleiben. Neuer fasste gemeinsam mit seinem Berater-Kreis um Thomas Kroth einen Entschluss, der am Freitagabend umgesetzt wurde. Er nahm neben Kroth vor dem PC Platz, eröffnete eine Videokonferenz – und erzählte. Der Tragweite seiner Aussagen war sich bewusst.

„Zahlen schlichtweg falsch“

„Irritiert“ und „verärgert“, das sind die beiden Schlagworte, die im Interview mit der „Bild am Sonntag“ herausstechen. Denn in bisher neun Jahren beim deutschen Rekordmeister sei es ihm „nie“ passiert, dass Inhalte aus vertraulichen Runden nach außen gedrungen sind. „Jetzt aber“, führte er fort, „stehen ständig Details aus den aktuellen Gesprächen in den Medien, die oft nicht einmal stimmen“. Im Falle der seit Monaten laufenden Verhandlungen über die Verlängerung seines bis 2021 geltenden Vertrags, kursierten zuletzt Rahmendaten, die für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt hatten. Angeblich, so hieß es, soll Neuer 20 Millionen Euro pro Jahr und eine Laufzeit bis 2025 gefordert haben. Berater Kroth sagte nun: „Diese Zahlen sind beide schlichtweg falsch.“

Es ist nur logisch, an wen diese Sätze – wohl überlegt im Wechselspiel von Neuer und Kroth formuliert – gerichtet sind. Als bisherige Gesprächspartner wurden Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Vorstand Oliver Kahn explizit genannt (Neuer: „Der Personenkreis ist überschaubar“), er möchte aber „nicht mit dem Finger auf einzelne Personen zeigen“. Der Alleingang richtet sich an alle Entscheidungsträger in der Führungsebene des FC Bayern. Kroth stellte klar: „Es geht gar nicht darum, jemanden an die Wand zu stellen, sondern ums Grundsätzliche.“ Neuer ergänzte: „Wenn Sachen offenbar gezielt nach außen getragen werden, ist das auch etwas, das den Bereich ‚Wertschätzung‘ betrifft.“ Auf Bayern-Seite wird ein Leck vermutet, das die Vertrauensbasis erschüttert und vor allem Neuers Image schadet. Da ist es egal, wer tratscht. Ob direkt Beteiligte oder aber indirekt Hinzugezogene. Vorstand, Aufsichtsrat: Der Kreis der Eingeweihten ist bei Summen in Neuers Gehaltsklasse schnell relativ groß.

Frust von der Seele geredet

Es ist nicht so, als seien die Irritationen nicht intern angesprochen worden; in kleineren Runden ist das in den vergangenen Tagen passiert. Aber Neuer war trotzdem daran gelegen, seine Sicht der Dinge öffentlich klarzustellen. Das Bild, das von ihm gezeichnet wurde, missfällt ihm; das Image – über Jahre als Vorbild und Führungsspieler aufgebaut – drohte zu bröckeln. Dieses Interview war für den Kapitän ungewöhnlich und soll auch das vorerst letzte sein, das die Verhandlungen begleitet. Es ist gut, dass der Unmut mal raus ist, heißt es aus Neuers Umfeld. Und es heißt auch, dass der Kapitän mit Blick auf die Verhandlungen tiefenentspannt ist. Der Druck liege nicht bei ihm, sondern beim Arbeitgeber, der – im Falle eines Scheiterns – ein Jahr vor Vertragsende eine Ablöse kassieren kann und muss.

Generell ist Neuer an einer Verlängerung interessiert, jedoch nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Eine „Win-Win-Situation“ strebt er an, da geht es nicht (nur) um Geld und Zeit: „Ich möchte das Vertrauen spüren, das ist das Wichtigste.“ Den Verein auf einen Fünfjahresvertrag „festzunageln“, sei „utopisch. Mit 34 Jahren kann ich ja nicht absehen, wie es mir mit 39 Jahren geht.“ Kroth gab an, in den bisherigen Gesprächsrunden „immer flexibel“ gewesen zu sein und verschiedene Modelle angeboten zu haben, die „sowohl Laufzeiten als auch Gehalt“ sowie die Corona-Krise berücksichtigen.

Der FC Bayern gab auf Anfrage an, zunächst nicht öffentlich zu reagieren. Dass das Interview aber hinter den Kulissen für Wirbel sorgt, ist klar. Eine nächste Gesprächsrunde ist noch nicht angesetzt, man ist aber in ständigem Austausch, auch gerne auf dem kurzen Dienstweg. Neuer wird nun die Füße still halten und schauen, was passiert.

Mit Blick auf den anstehenden Wechsel von Alexander Nübel schickte er übrigens noch hinterher: „Solange ich meine Leistung bringe, werde ich auch spielen.“ Eine Klausel, die dem Schalker Einsätze garantiert, kenne er nicht, und „ein Spitzentrainer lässt sich nicht vorschreiben, wen er zu spielen lassen hat“. Ein schönes Schlusswort einer Videokonferenz, die nachhallen wird.

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