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Tatjana Haenni (rechts, mit Steffi Jones) glaubt, dass der Frauenfußball wirtschaftlich und medial noch sehr viel erfolgreicher werden kann.

Frauenfußball-WM

"Das Verständnis ist meist nicht vorhanden"

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FIFA-Direktorin Tatjana Haenni übt im FR-Interview Kritik an Funktionären.

Tatjana Haenni, 48, ist bereits seit dem Jahr 2008 Direktorin für Frauen-Wettbewerbe bei der Fifa. Gleichzeitig ist sie ehrenamtlich als Präsidentin der FC Zürich Frauen tätig. Sie hat 25 Länderspiele für die Schweiz bestritten und kurzzeitig auch in Kanada gespielt.

Wie würden Sie den weltweiten Entwicklungsstand im Frauenfußball beschreiben?
Die Fifa sieht im Frauenfußball ein sehr großes Entwicklungspotenzial. Wir verzeichnen zwar circa Millionen Frauen und Mädchen, die Fußball spielen, aber 91 Prozent davon verteilen sich auf die Top-20-Nationen. Abseits davon ist das Verständnis in den meisten Verbänden nicht vorhanden, und es findet keine zielgerichtete Förderung des Frauenfußballs statt. Im Jahr 2013 haben von 209 Mitgliedsverbänden der Fifa überhaupt nur 97 ein Frauen-Länderspiel ausgetragen.

Wo wird denn der Frauenfußball besonders stiefmütterlich behandelt?
Der südamerikanische Kontinentalverband ist sicher ein Sorgenkind, weil die Möglichkeiten im Frauenfußball nicht groß genug sind. Es gibt bereits ganz viele Mädchen, die auf der Straße oder in Camps Fußball spielen, aber sie finden später keine Strukturen vor, in denen sie ihrem Sport nachgehen können. In Fußball-Nationen wie Chile oder Argentinien ist der Frauenfußball beispielsweise nicht auf dem Niveau, das vom Potenzial her möglich wäre. Auch der afrikanische Kontinentalverband schöpft es sicher nicht aus, wobei hier die Probleme anders gelagert sind: Da fehlt es oft an Geld und den Ressourcen, um überhaupt den Frauenfußball zu unterstützen. Viele Verbände erkennen die Chance einfach nicht, die im weiblichen Segment besteht – vielen Funktionären fehlt es am Bewusstsein oder am Bekenntnis für den Frauenfußball. Und kulturelle Schwierigkeiten behindern vielerorts die Anerkennung. Deshalb steckt die Fifa allein 22 Millionen Dollar in verschiedene Entwicklungsprogramme. 

Was muss also in Zukunft passieren?
Frauenfußball muss als eigenständiges Produkt angesehen werden und wird nur wachsen, wenn die Entscheidungsträger auch daran glauben. Es sollten in den Entscheidungsgremien mehr Frauen und mehr Frauenfußball-Spezialistinnen vertreten sein. Dabei ist der Frauenfußball eine der populärsten Frauensportarten der Welt und könnte es auch wirtschaftlich und medial zu viel größerem Erfolg bringen.

Kann Deutschland da als Vorbild gelten?
Nach einer Umfrage sind in Deutschland angeblich fast 22 Millionen Menschen am Frauenfußball interessiert. Nadine Angerer ist bei 74 Prozent der Bevölkerung bekannt. Wir müssen aber dahin kommen, dass die Mädchen künftig nicht ein Trikot von Neymar oder Schweinsteiger tragen, sondern eines von Nadine Kessler oder Celia Sasic.

Lassen sich die WM 2011 in Deutschland und die WM 2015 in Kanada vergleichen?
In Deutschland hatten wir weltweit 407 Millionen TV-Zuschauer und eine Besucherzahl von 845 711, was einem Schnitt von 26 428 Zuschauern pro Spiel entsprach. Diese WM hat sogar einen finanziellen Gewinn abgeworfen. 2011 wurde das ganze Land mitgenommen, was wir uns 2015 auch erhoffen. Kanada ist allerdings ein Riesenland, wo von Küste zu Küste vier Stunden Zeitunterschied bestehen. Mit den erstmals 24 Teilnehmern und 52 Spielen hoffen wir auf 1,5 Millionen Stadionbesucher und großes Interesse im Fernsehen. Beispielsweise wird Fox Sports als wichtiger Partner 16 Live-Spiele in Nord- und Südamerika anbieten, ARD/ZDF, BBC und andere sind vor Ort und berichten live und mit einer Vor- und Nachberichterstattung.

Warum musste diese WM denn unbedingt auf Kunstrasen ausgetragen werden?
Vorweg: Der in allen Stadien verlegte Kunstrasen entspricht den Fifa-Regularien, ist die aktuell beste und modernste Qualität, und der gleiche, auf dem einige Länder auch WM-Qualifikationsspiele der Männer austragen. Nicht die Fifa hat sich den Kunstrasen für die WM gewünscht, sondern die Organisatoren, denn nur Moncton hatte in dem Stadion einen Naturrasen liegen. 

Was bringt die Erweiterung des Teilnehmerfelds auf 24 Teams?
Wir wollen diese Verbreiterung bewusst, weil sich damit in acht Nationen mehr durch die WM-Teilnahme ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten ergeben. Nehmen wir doch nur mein Heimatland Schweiz, wo sich durch die erste WM-Teilnahme um die Frauen-Nationalmannschaft ein neues Interesse gebildet hat. 

Aber nicht jeder Neuling ist auf diesem Niveau: Deutschland trifft auf die Novizen Elfenbeinküste und Thailand. Es kann zu Kantersiegen kommen, oder?
Wir machen uns nichts vor: Wir werden bei diesem Turnier auch Resultate haben, die die Unterschiede krass zeigen. Wenn Thailand ein Testspiel gegen die Niederlande mit 0:7 verliert, gibt das klare Hinweise. Aber ich bin mir sicher, dass wir schon in vier Jahren bei der WM in Frankreich dieses Thema nicht mehr haben. Das Niveau wird sich bis dahin angeglichen haben.

Interview: Frank Hellmann

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