+
Vorsinger: Jürgen Klopp (Mitte), Mohamed Salah (links) und Virgil van Dijk.

Champions League

Wunder, Wahnsinn, FC Liverpool

  • schließen

Der FC Liverpool kämpft sich gegen Barcelona eindrucksvoll ins Finale der Champions League. Die Mannschaft von Jürgen Klopp wird von der Fußballwelt gefeiert.

Das Stadion an der Anfield Road ist bekannt als ein Ort, an dem Unmögliches möglich wird. Es hat schon viele Nächte erlebt, die sich als Wunder einstufen lassen. Ein Beispiel aus der neueren Vergangenheit wäre das Viertelfinale der Europa League im April 2016 gegen Borussia Dortmund, das der heimische FC Liverpool nach 0:2 und 1:3 noch 4:3 gewann, was das Weiterkommen bedeutete. Oder das 3:0 in der vergangenen Saison in der Champions League gegen Manchester City. Oder das 5:2 gegen den AS Rom. Oder, oder, oder.

Aber ein Spiel wie dieses? Hat die Anfield Road jemals ein Spiel erlebt wie dieses 4:0 gegen den FC Barcelona im Halbfinal-Rückspiel der Champions League, das entgegen aller Aussichten nach der 0:3-Niederlage im ersten Treffen den Einzug ins Endspiel in Madrid am 1. Juni brachte? Ist in diesem Stadion jemals etwas Unmöglicheres möglich geworden?

Zwischen FC Liverpool, seinen Fans und dem Stadion herrscht Einigkeit

Die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp hat einen der größten Klubs Europas abgeschossen, mit genau dem Ergebnis, das nach dem Hinspiel nötig war. Sie hat Lionel Messi und seine Kollegen zu Zeugen des eigenen Untergangs gemacht. Und das ohne zwei ihrer wichtigsten Spieler, ohne die verletzten Angreifer Mohamed Salah und Roberto Firmino. An ihrer Stelle wurden Ersatz-Ersatz-Stürmer Divock Origi und der eingewechselte Mittelfeldmann Georginio Wijnaldum zu Helden mit je zwei Treffern. Vor allem der letzte, das entscheidende Tor, war eine Demütigung für die Gäste. Liverpools junger Außenverteidiger Trent-Alexander Arnold täuschte bei der Ausführung einer Ecke geschickt, Barcelona schlief, Origi staubte ab. Der Origi, der vor einem Jahr noch als Leihspieler mit dem VfL Wolfsburg in der Bundesliga-Relegation gegen Holstein Kiel spielte.

Nach dem Schlusspfiff standen Liverpools Profis Arm in Arm vor der Kop-Tribüne. Die Fans sangen „You’ll never walk alone“, die heilige Hymne des Klubs. Die Momente am Ende dieser Nacht, die niemand der Anwesenden jemals vergessen dürfte, sie stehen sinnbildlich für die zum Kult stilisierte Einigkeit zwischen dem FC Liverpool, seinen Fans und dem Stadion.

Klopp: Liverpool „ist wie ein großes Herz - und heute hat es wie verrückt geschlagen“

Klopp ist der ideale Hüter dieses Kults. „Wir wissen, dass dieser Klub eine Mischung aus Atmosphäre, Emotionen, Verlangen und fußballerischer Qualität ist. Nimmt man eine Sache davon weg, funktioniert es nicht. Der Verein ist wie ein großes Herz – und heute hat es wie verrückt geschlagen“, sagte er. Auch wenn man das mit weniger Pathos betrachtet, ist es schwer, ihm zu widersprechen. Ohne die Stimmung im Stadion, ohne das Gebrüll, die Gesänge, die Pfiffe, wäre das 4:0 gegen Barcelona ebenso wenig möglich gewesen wie ohne die Leistung von Spielern wie Torwart Alisson, Abwehrchef Virgil van Dijk oder Kapitän Jordan Henderson.

Jürgen Klopp, eigentlich bekennender Optimist, hatte im Vorlauf auf die Partie einen erstaunlich zurückhaltenden Eindruck gemacht. Grund dafür waren der Drei-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel und die Abwesenheit von Salah und Firmino. Er hatte versprochen, dass seine Mannschaft alles versuchen werde, das schon, aber ihm war klar gewesen, dass der Finaleinzug nahezu unmöglich sein würde. Wie gesagt: nahezu. Nach der Partie verneigte er sich vor seinen Profis. „Es ist unglaublich, was die Jungs geschafft haben. Sie sind Mentalitätsgiganten“, sagte er.

Kann Jürgen Klopp mit Liverpool seinen Ruf als Final-Verlierer korrigieren?

Es gelingt Klopps Team gerade, neue Geschichten zu schreiben bei dem Verein, der so stolz ist auf seine Vergangenheit, auf die alten Geschichten. Das Barcelona-Spiel wird künftig zusammen mit anderen denkwürdigen Partien genannt werden. Mit dem Finale der Champions League von 2005 gegen den AC Mailand zum Beispiel, das Liverpool nach einem 0:3-Rückstand zur Pause noch gewann.

Es war das bislang letzte Mal, dass der Klub den Silberpokal mit den riesigen Henkeln erbeutete. Zweimal scheiterte er danach im Endspiel. 2007 gegen Mailand und im vergangenen Jahr gegen Real Madrid. Gerade diese Niederlage, dieses 1:3 nach zwei Fehlern des damaligen Torhüters Loris Karius, fühlte sich brutal an. Möglicherweise sind es auch die Erinnerungen an die Nacht von Kiew, die Klopps Mannschaft gegen Barcelona beflügelt haben. „Wir haben im vergangenen Jahr gespürt, dass wir das nicht so stehen lassen können. Das ist unmöglich. Jetzt haben wir wieder die Chance und werden versuchen, sie zu ergreifen“, sagte der Trainer.

Auch Jürgen Klopp hat wieder eine Chance. Nämlich die, seinen Ruf als Final-Verlierer zu korrigieren. Seine vergangenen sechs Endspiele endeten zu seinem Nachteil, unter anderem das in der Champions League mit Borussia Dortmund 2013 gegen den FC Bayern, das Finale der Europa League 2016 mit Liverpool gegen den FC Sevilla und eben die Partie in Kiew gegen Real Madrid. Auch in der Premier League wird seine Mannschaft in dieser Saison wohl nur Tabellenzweiter hinter Manchester City, als bester Vizemeister in der Geschichte der Premier League. Aber eben als Vizemeister.

Dabei ist der nationale Titel doch das, wonach Liverpool so sehr strebt nach fast drei Jahrzehnten des Wartens. Die Pflicht sozusagen. Die Champions League galt nur als Kür in dieser Saison. Davon war allerdings nichts zu spüren, als gegen Barcelona Unmögliches möglich wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion