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Wechselte zu viele Defensivkräfte ein: Joachim Löw.

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Verrat an den eigenen Prinzipien

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Bundestrainer Joachim Löw setzt gegen Spanien in der Schlussphase auf eine Betonstrategie und fällt damit auf die Nase. So hat er zumindest erkannt, dass seine Mannschaft lieber nach vorne verteidigen sollte, als sich einzuigeln.

Es sind gerade sehr besondere Tage im Kreis der Besten. Die „normalen“ Maßstäbe an Taktik, Coaching und Auswechslungen können an einen Bundestrainer in Zeiten von Corona wohl kaum angelegt werden. Der arme Kerl hat seine Männer zehn Monate lang allenfalls im Fernsehen erlebt, er hat auf einige aus der Weltklasse rücksichtsvoll verzichtet und muss nun noch irgendwie zusehen, dass keiner mit einer Zerrung wieder zurück zu seinem Klub jettet, geschweige denn mit einer frischen Infektion. Dass Joachim Löw als Trainer in dieser Ausnahmesituation zu Maßnahmen greift, die so gar nicht zu ihm passen, ist dennoch bemerkenswert - und war in dieser Situation eher nicht die klügste Entscheidung.

Per Mertesacker, dem bei seinem ersten Auftritt als ZDF-Experten die Nervosität nachvollziehbar anzumerken war, hatte die TV-Zuschauer frühzeitig darauf hingewiesen, dass er es für keine gute Idee halte, den offensiven Leroy Sané schon nach einer guten Stunde durch den defensiven Matthias Ginter zu ersetzen. Was das deutsche Offensivspiel anging, kam das einer Kapitulation gleich, die man so in der nunmehr stolzen 14 Jahre währenden Ära Löw noch nie erlebt hat. Getoppt wurde die Betonstrategie schließlich noch durch die Einwechslung von Robin Koch (Innenverteidiger) für Timo Werner (schnelle Spitze).

Das Ziel, so hinten die Räume undurchdringlich zu verdichten, ist dabei ebenso verfehlt worden wie die Aussicht, in der Schlussphase die Lufthoheit im eigenen Strafraum zu erringen. Stattdessen wussten die Spanier, dass sie ihre Restverteidigung vollkommen aufgeben und wirklich alles nach vorne werfen konnten. Es war ja kein deutscher Stürmer mehr da. Entsprechend fehlte jedwede Entlastung.

Es ist mittlerweile acht Jahre her, als Joachim Löw arg dafür kritisiert wurde, im Angesicht einer auf 4:2 geschrumpften 4:0-Führung im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden die Offensivmänner Mario Götze und Lukas Podolski statt der Abwehrrecken Benni Höwedes oder Heiko Westermann eingewechselt zu haben. Deutschland kassierte zwei weitere Gegentore. Am Ende stand es 4:4 - und der Bundestrainer wackelte bedenklich. Naivität und Starrsinn und noch ein bisschen mehr wurde ihm seinerzeit vorgeworfen.

Diesmal kann man die fehlgeschlagene Kaninchenmethode völlig ohne Schaum vorm Mund als „Versuch und Irrtum“ aktenkundig machen. Löw weiß dank des Verrats an seinen Prinzipien, dass seine Mannschaft nicht dazu taugt, wie ein klassischer Fußballzwerg nur die eigene Hälfte zu verteidigen.

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