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Verkleidete Super League

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Von: Jakob Böllhoff

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Die Besten werden immer reicher: Wie der FC Liverpool, hier mit Mohamed Salah (2.v.l).
Die Besten werden immer reicher: Wie der FC Liverpool, hier mit Mohamed Salah (2.v.l). © dpa

Jede gelungene Illusion liegt in der Ablenkung: Und weil die Super-League-Pläne alles verniedlichen, kann die Champions League eine Reform durchdrücken - um mehr Kohle rauszuziehen. Der Kommentar.

Arg schade, dass die Zeit der naiven Beobachtung vorbei ist, längst vorbei. Man könnte, als naiver Beobachter, diese Champions League im Fußball regelrecht genießen. Man könnte, als naiver Beobachter, sich schwer erfreuen an einem Halbfinale, in dem die aktuell besten Mannschaften der Welt dabei sind (Manchester City, FC Liverpool), sowie ein Verein, der die Grandezza alter Tage verkörpert wie kein anderer (Real Madrid), sowie ein frecher Außenseiter aus einem spanischen Küstenstädtchen mit einem Team der Abgestoßenen und Zurückgelassenen (FC Villarreal). Als naiver Beobachter hätte man sich vom Hinspiel zwischen Manchester und Madrid vollständig verspeisen lassen können, 4:3, Wow!, hätte Nächte verträumen können mit den Ballkünsten von Modric und Benzema, von De Bruyne und Foden, und in der Nüchternheit des Tages hätte man kurz an Liverpools dominante Performance beim 2:0 gegen Villarreal gedacht und anerkennend genickt. Klasse.

Geld raus, mehr Geld rein

Leider weiß man zu viel und kann es nicht vergessen. Weiß um das verrottende System hinter der glänzenden Fassade. Weiß, dass der europäische Spitzenfußball ein geldfettes Monstrum ist, das immer mehr will, je mehr es hat. Der ernstzunehmende Versuch von zwölf Spitzenklubs – genau ein Jahr ist es her – eine europäische Super League zu gründen, wirkt im Nachhinein wie ein großes Ablenkungsmanöver. Das Vorhaben scheiterte, weil Fans in England auf der Straße protestierten. Wogegen? Gegen die Super League? Oder gegen das, wofür die Super League steht, einen turbokapitalistischen Fußball, indem die Reichen immer reicher werden und die anderen ein bisschen egal? Dann müssten die Fans weiterhin auf die Straße gehen mit ihren Schildern. Denn dieser Fußball ist längst da.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es lohnt sich, sie regelmäßig aufzufrischen, vor allem dann, wenn die Champions League mal wieder so hübsch daherkommt. Der englische „Guardian“ hat neulich ein paar interessante Zahlen hingelegt: In den vergangenen 20 Jahren kamen 62,5 Prozent der Halbfinalisten in der Königsklasse aus England und Spanien (in diesem Jahr sind es mal wieder 100 Prozent). Mit einem Rechenbeispiel hat die Zeitung außerdem das Closed-Shop-Prinzip der Champions League veranschaulicht: Würde West Ham United sich qualifizieren, würde es von den TV-Geldern gerade einmal vier Prozent bekommen von dem, was der FC Chelsea bekommt.

Das liegt an der Reform, die Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Juventus-Boss Andrea Agnelli ab 2018 wirksam machten. Seitdem werden die TV-Gelder zum Teil auf Basis der europäischen Zehn-Jahres-Bilanz verteilt.

Aber es reicht ihnen immer noch nicht. Der Fußball-Geldadel will Geld aus dem Fenster schmeißen können und dabei wissen, das währenddessen zur Türe noch viel, viel mehr Geld hineingetragen wird. Deshalb die Super-League-Pläne, deshalb die Champions-League-Reform 2024, welche von den Super-League-Plänen verniedlicht wird. Denn jede gelungene Illusion liegt in der Ablenkung. Und in der Naivität der Beobachter.

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