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Der letzte Abgang: Martin Schmidt (rechts) mit der Wolfsburger Pressechefin Barbara Ertl-Leicht nach der Niederlage gegen den FC Bayern.

Mainz - Wolfsburg

Die verhinderte Rückkehr

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Martin Schmidt hat darauf verzichtet, seinen Abschied aus Wolfsburg öffentlich zu erklären.

Als der Reporter der Frankfurter Rundschau Mitte Januar den damaligen Wolfsburger Fußballtrainer Martin Schmidt zum Interview im VfL-Center am Trainingsgelände traf, verspätete sich der Termin um mehr als eine Stunde. Schmidt war noch ein Perspektivgespräch zur anstehenden Vertragsverlängerung mit dem Verteidiger Sebastian Jung in den Terminkalender geraten. Es ging also um die Zukunft des Spielers.

Schmidt bemühte sich dann im Interview zwar, seine eigene Zukunft in Wolfsburg ebenfalls kunterbunt auszumalen, er sprach von den „wunderbaren“ Bedingungen, er erzählte, wie wohl er sich fühle in seiner neuen Wohnung im Stadtteil Fallersleben, wie gut und umweltschonend sich der neue Dienstwagen aus dem Hause des Mutterkonzerns mit Elektroantrieb fahre, und wie er dafür sorgen wolle, dass beim VfL Wolfsburg „die Mentalität verbessert, eine neue Dynamik und neue Hierarchien“ geschaffen werden. Doch dann sagte er noch diesen bedeutungsschweren Satz: „Manchmal fühlt man sich als Trainer auch alleingelassen.“

Einen Monat später ist Martin Schmidt in Wolfsburg zurückgetreten. Über Nacht, nach einem tapferen 1:2 gegen Bayern München. Er hinterließ einen konsternierten Klub, der in gebotener Eile froh war, den schlachtenerprobten Bruno Labbadia als Nachfolger zu präsentieren.

Ein Wiedersehen mit seinen Ex-Kollegen zum Spiel am heutigen Freitag in Mainz, wo er sich lange sehr wohl gefühlt hatte, fällt somit aus. Der 50-Jährige ist dem Vernehmen in seine persönliche Schutzzone, das Wallis in der Südschweiz, zurückgekehrt. Von der Wolfsburger Mannschaft hat er sich nicht mehr verabschiedet. Die Gesprächsanfrage der FR-Redaktion ließ er unbeantwortet. Seinen Abschied hat er persönlich öffentlich nicht begründet. In der Wolfsburger Pressemitteilung wurde lediglich in indirekter Rede erwähnt, er wolle mit seinem Rückzug Druck vom Verein nehmen.

Wegbegleiter berichten, der Job in Wolfsburg habe Martin Schmidt aufgezehrt, er habe abgenommen und am Ende kaum noch Ruhe finden können. Er hat, nach nur fünf Monaten im Amt, die Reißleine nicht aus einer Laune heraus gezogen, sondern als logische Konsequenz. Weil er schon länger das Gefühl hatte, dass es in dieser Konstellation in Wolfsburg nicht funktionieren kann. Weil er mit dem zwar fleißigen, aber noch jungen und unerfahrenen Sportmanager Olaf Rebbe zusammenarbeitete, der ohne Vorstandskompetenz und fachliche Unterstützung einen einsamen Job verrichten muss. Weil der VfL Wolfsburg Fußball-GmbH dank der Muttergesellschaft Volkswagen zwar ausreichend Finanzkraft, aber zu wenig Kompetenz übertragen wurde. Und weil immer wieder Interna an die Presse durchsickerten und Spieler offenbar auch eine Etage über Rebbe fachunkundige Gesprächspartner aus dem Werk fanden, um vermeintliche Sorgen und Nöte zu besprechen.

Es handelt sich um Fehler im System, die Martin Schmidt zwar erkannte, aber nicht stark genug war, um sie abzustellen. Dass er zum Wochenbeginn dann aufgab, hinterließ in Wolfsburg auch persönlich enttäuschte Menschen. Denn der Plan war nach FR-Informationen keineswegs, Schmidt im Fall einer Niederlage in Mainz vors Werktor zu setzen. Dass der nach dem Bayern-Spiel dennoch hinwarf, könnte zu einem Teil auch damit begründet gewesen sein, dass er sich öffentlich unter extremen Druck gesetzt fühlte – ausgerechnet vor der Rückkehr zu den alten Bekannten in Mainz. Er wollte sich nicht von den Medien vorführen lassen.

Zur finanziellen Abwicklung des Abschieds schrieb die „Bild“-Zeitung, der Schweizer erhalte eine festgelegte Abfindung in Höhe von 800 000 Euro, eine Meldung, die Schmidts Berater via Facebook flugs als „Unwahrheit“ und „Kampagnenjournalismus at it´s worst“ beschrieb, Schmidt, der einen Vertrag bis 2019 besaß, hat mit seinem Abschied aus eigenem Antrieb etwa auf die Hälfte seines Gehalts verzichtet. Er muss dennoch nicht darben. Eigentlich hatte der etwas andere Fußballtrainer vorgehabt, sich und der Branche nachhaltig zu zeigen, dass er ein richtig guter Bundesligatrainer ist. Er war vor seiner Karriere als Fußballlehrer schon Kuhhirte auf der Alm, Automechaniker im Motorsport und Mode-Unternehmer. Er wird seine Pause wohl dazu nutzen, sich grundsätzliche Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll.

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