+
Danke für das Vertrauen: Giovani dos Santos machte sich nach seinem 1:0 im Test gegen Schottland auf den Weg zu Trainer Carlos Osorio.

Giovani dos Santos

Der verhinderte Ronaldinho

  • schließen

Giovani dos Santos galt einst als Nachfolger des großen Brasilianers beim FC Barcelona, seit drei Jahren spielt der Mexikaner in den USA für LA Galaxy.

Giovani dos Santos kannte nur ein Ziel. Nach seinem Treffer zum 1:0 für Mexiko im Vorbereitungsspiel gegen Schottland vor zwei Wochen in Mexiko City spurtete der 29-Jährige in Richtung Bank, schüttelte seine Mitspieler ab, deutete mit dem Zeigefinger auf seinen Trainer Juan Carlos Osorio und fiel ihm um den Hals. Es war eine Geste der Dankbarkeit für das Vertrauen, dass ihm der kolumbianische Coach mit der Nominierung für die Startelf entgegengebracht hatte und wenige Tage später mit der Berufung in den endgültigen WM-Kader unterstrich.

Das Tor war auch eine Art Befreiung für Giovani dos Santos Ramirez, der nur Gio gerufen wird. Eine Bestätigung, dass er nach nur sechs Ligapartien und einigen Verletzungen bei den Los Angeles Galaxy mit einer Aktion immer noch ein Spiel entscheiden – die Partie endete 1:0 – und in der Nationalmannschaft und bei seiner dritten Weltmeisterschaft eine wichtige Rolle spielen kann. Trotz all der Kritik aus der Heimat, die am Wert des 106-fachen Nationalspielers für „El Tri“ zweifeln. „Ich denke, wir kennen alle seine Fähigkeiten, seine Technik. In engen Räumen kann er sehr viel Einfluss auf das Spiel nehmen“, erklärt Osorio die Vorzüge seiner Nummer zehn.

In der Tat bringt der 1,75-Meter-Mann mit dem tiefen Schwerpunkt alles mit, was es braucht, um ein guter Fußballer zu sein. Das Problem ist nur, und das verfolgt ihn Zeit seiner Karriere: Er ist zu unkonstant, zu wankelmütig in seinen Leistungen. Mal ist er der beste Spieler auf dem Platz, dribbelt alle aus, beweist Übersicht und schließt in unnachahmlicher Art und Weise mit seinem feinen linken Fuß ab, sehr gerne mit einem Lupfer. Und im nächsten Spiel ist es, als wären seine ganzen Fähigkeiten wie weggeblasen und er bringt keinen Pass mehr zum Mitspieler. Er verstolpert jeden Ball.

Kürzlich wurde der Offensivallrounder in einer anonymen Umfrage des US-amerikanischen Fernsehsender ESPN von den Ligakollegen zum überbewertesten Spieler der Major League Soccer (MLS) gewählt, wo er seit drei Jahren für Galaxy spielt. „Ich glaube, er verkauft eine Menge Tickets wegen der mexikanischen Community in LA, aber er hat nicht den Einfluss wie ein David Villa oder Sebastian Giovinco“, sagte auch noch ein Umfrageteilnehmer. Er sei ein guter Spieler, aber die Presse hätte ihn zu sehr wegen seiner Vergangenheit beim FC Barcelona und den Tottenham Hotspur gehyped. Mit diesem Vorwurf sah sich Giovani dos Santos schon öfter konfrontiert.

Das Talent war ihm und dem ein Jahr jüngeren Bruder Jonathan in die Wiege gelegt worden. In seiner Heimatstadt Monterrey schaute er als kleiner Knirps Papa Geraldo Francisco dos Santos, genannt Zizinho, in der Indoor-Fußballliga zu. Der Ex-Profi, der zuvor auch auf dem Rasen erfolgreich war, wurde der erste Trainer von Gio und Jonathan in der eigenen Fußballschule. Später spielte dos Santos bei CF Monterrey und nahm als Zwölfjähriger mit dem Klub an einem Turnier in Frankreich teil, wo auch Späher des FC Barcelona auf den Dribbler aufmerksam wurden und ihn ein Jahr später zusammen mit Bruder Jonathan nach Katalonien holten.

Sein Debüt in der ersten Mannschaft feierte er als 19-Jähriger und bekam fortan an von Trainer und Mentor Frank Rijkaard das Vertrauen geschenkt. Von zahlreichen spanischen Medien wurde der Mexikaner schon als nächster Ronaldinho gepriesen, der immer mehr an Tempo und Genialität verlor. Am 17. Mai 2008 schien es, als würde dos Santos tatsächlich bereit sein, die Rolle des großen Brasilianers auszufüllen.

Im letzten Ligaspiel bei Real Murcia erzielte er beim 5:3 einen Hattrick innerhalb von 33 Minuten. Seine ersten Tore in der Primera Division. Doch statt sich der Konkurrenz um Lionel Messi und Kollegen unter dem neuen Trainer Pep Guardiola im Sommer zu stellen, entschied sich dos Santos für einen Wechsel nach England zu Tottenham.

„Ich hatte Angebote von Manchester City und Chelsea, aber als mich Juande Ramos angerufen hat und mir sagte, dass ich spielen werde, habe ich zugesagt“, berichtete dos Santos. Blöd nur, dass der spanische Trainer nach dem schlechtesten Saisonstart in der Spurs-Historie vorzeitig wieder gehen musste und durch den knurrigen Harry Redknapp ersetzt wurde.

Plötzlich war dos Santos außen vor und fiel mehr durch nächtliche Eskapaden als auf dem Feld auf. „Wenn er Nachtclubs so gut meiden könnte, wie er Fußball spielen kann, wäre er ok“, sagte Redknapp einmal. Es folgten mehrere Leihgeschäfte zu Ipswich Town in die zweite englische Liga, zu Galatasaray Istanbul und Racing Santander, ehe das Missverständnis im Jahr 2012 in Nord-London beendet wurde.

Obwohl er auf Klubebene nicht glücklich war, führte er seine Nationalmannschaft in der Zeit zu zwei Gold-Cup-Titeln, der Nord- und Zentralamerikameisterschaft und bei den Olympischen Spielen in London mit überragenden Leistungen und drei Toren ins Finale. Das verpasste er zwar aufgrund einer Verletzung, Olympiasieger darf er sich dank seiner Mitspieler, die Brasilien 2:1 schlugen, trotzdem nennen.

Während er mit „El Tri“ vier Titel gewann, holte er auf Klubebene keinen einzigen. Beim FC Mallorca spielte er 2012/13 eine ordentliche Saison, konnte den Abstieg des Klubs jedoch nicht verhindern. Darauf folgte eine bärenstarke Spielzeit beim FC Villareal. Elf Tore und acht Assists machten Hoffnung, dass dos Santos doch noch ein Topspieler in Europa werden könnte. Nach einem miserablen zweiten Jahr bei den „gelben U-Booten“ mit nur einem mickrigen Törchen und drei Assists in 26 Partien flüchtete dos Santos mit nur 25 nach LA.

Er genießt das Leben in Kalifornien. Die Sonne strahlt mehr als 260 Tage im Jahr, die Fans der Los Angeles Galaxy lieben ihn und er spielt wie schon in Villareal mit seinem Bruder Jonathan in einer Mannschaft. „Ich fühle mich wie zu Hause“, sagt dos Santos. Diese Wohlfühloase braucht ein fußballerischer Feingeist wie er sicherlich, aber die Komfortzone lässt es ihm auch am nötigen Biss mangeln, alles aus seinem Talent herauszuholen. Von Bruder Jonathan, der als Sechser im zentralen Mittelfeld gesetzt ist, wird Giovani als Stubenhocker verspottet.

Auf der großen internationalen Bühne hat dos Santos mehrfach gezeigt, was in ihm steckt. Im Finale des Gold-Cups 2011 gegen die USA dribbelte er drei Gegenspieler inklusive Torwart Tim Howard aus, um den Ball zum 4:2-Endstand in den Winkel zu chippen. Bei der WM 2014 in Brasilien brachte er Mexiko im Achtelfinale gegen die Niederlande mit einem satten Linksschuss aus 25 Metern mit 1:0 in Führung, reichen für die erste Viertelfinale-Teilnahme seit 1986 sollte es aber nicht, Oranje gewann 2:1. Für einen genialen Moment ist Giovani dos Santos trotz verschlampten Talents immer gut. Vielleicht zeigt er es schon am Sonntag gegen den ersten WM-Gegner Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion