+
Schwieriger Chef: Michael Reschke (links) mit VfB-Präsident Wolfgang Dietrich.

VfB Stuttgart

Vergiftete Atmosphäre

  • schließen

Der Rauswurf von VfB-Sportdirektor Jan Schindelmeiser lässt in Stuttgart nicht nur irritierte Fans zurück.

Bei Wolfgang Dietrich handelt es sich um einen Mann, dem es wahrlich nicht an Selbstvertrauen mangelt. Seit noch nicht einmal einem Jahr ist der mit 69 Jahren nicht mehr ganz taufrische vormalige Sprecher des umstrittenen Bahnprojektes Stuttgart 21 neuer Präsident des ortsansässigen Vereins für Bewegungsspiele und Aufsichtsratschef der Fußballtochter. Kenner bescheinigen dem ehemaligen Sportmarketing-Manager, freundlich formuliert, ein kerniges Machtbewusstsein. Dietrich ist im Stuttgarter Umfeld bestens vernetzt, auch mit einzelnen, einflussreichen ansässigen Journalisten. 

Direkter Wiederaufstieg unter Wolf und Schindelmeiser

Laut „Sportbild“ verbinde ihn zudem eine „enge Freundschaft“ mit Uli und Dieter Hoeneß. Daher habe Dietrich auch gewusst, dass Bayern Münchens Kaderplaner Michael Reschke als VfB-Sportchef verpflichtet werden könnte. Das Dumme war nur: Es gab beim VfB schon einen Sportchef. Und zwar einen bei den Fans hochangesehenen Mann. Der musste also erstmal weg.

Jan Schindelmeiser, 53, war vor 13 Monaten, als Dietrich sich noch im Wahlkampf befand, als Nachfolger von Robin Dutt geholt worden und hatte Qualitätsarbeit abgeliefert. Unter dem von Schindelmeiser verpflichteten, zuvor allenfalls Insidern bekannten Trainer Hannes Wolf war mit einer jungen Mannschaft der direkte Wiederaufstieg gelungen, und vor allem: Die Jubelstimmung um den Verein herum erlaubte es endlich, im Sommer die Ausgliederung einer Kapitalgesellschaft zur Organisation des Profifußballs und den Einstieg von Daimler umzusetzen. 

Vom Abend dieses 1. Juni gibt es Bilder. Man sieht Dietrich und Schindelmeiser lächelnd nebeneinander, Dietrich hat den linken Arm um Schindelmeisers Schultern gelegt. Es sah so aus, als wisse da einer, wem er den sportlichen und strukturellen Erfolg mitzuverdanken hat. 
Am 3. August marschierte Dietrich ins Büro von Schindelmeiser und teilte diesem mit, dass er entlassen ist. Die Begründung: „Wir waren nicht mehr davon überzeugt, dass die Umsetzung unserer Ziele und der getroffenen Absprachen in der Personalkonstellation zu erreichen ist.“ Schindelmeiser, so ließ Dietrich unter anderem durchblicken, habe sich nicht teamorientiert verhalten. Und auch die Transferpolitik, die vor allem auf junge Spieler setzte, soll Dietrich wenig behagt haben. 

Am gestrigen Montag, keine 20 Stunden nach dem mühevollen Pokalsieg im Elfmeterschießen in Cottbus, wurde Reschke in einer Pressekonferenz vorgestellt. Am selben Morgen veröffentlichte der „Kicker“ ein Interview mit dem schnöde geschassten Sportchef Schindelmeiser. Der wehrt sich: „Beim VfB Stuttgart gibt es nicht einen einzigen Spieler, der nicht als Produkt eines Teamprozesses verpflichtet wurde.“ So ganz unbeliebt kann der gebürtige Flensburger tatsächlich nicht gewesen sein. Zu seinem Ausstand kamen 120 Mitarbeiter, und Trainer Wolfs Worte muss man gar nicht großartig zwischen den Zeilen lesen: „Auf persönlicher Ebene und auch von der Zusammenarbeit war das gut. Es ist krass gewesen, dass es so einen Wechsel gibt.“

Es wird nun spannend zu beobachten sein, wie vertrauensvoll Wolf und Reschke miteinander klarkommen (Reschke: „Ich habe den Eindruck, dass die Chemie zwischen uns stimmt“), vor allem aber auch, ob Reschke und Dietrich auf Dauer miteinander können. Mal abwarten.
Der Präsident hat sich mit der Beurlaubung Schindelmeisers aus dessen bis 2019 gültigem Vertrag auch unter persönlichen Druck gesetzt. Das Portal echo24.de schrieb, die „Aufstiegseuphorie“ sei einer „vergifteten Stimmung“ gewichen: „Jedes Wort, jedes gestreute Gerücht, das Jan Schindelmeiser in ein schlechtes Licht rücken soll, verpufft derzeit nahezu wirkungslos. Schindelmeiser ist und bleibt den Fans des VfB Stuttgart in guter Erinnerung. Weil er eine junge, hungrige Mannschaft zusammengestellt hat, mit der sich jeder Anhänger identifizieren kann. Außerdem war er auf dem besten Weg, den Traditionsverein von seinem hohen Ross auf den Boden der Tatsachen zu bringen.“ Schindelmeiser war entsprechend wenig begeistert, als Dietrich Anfang Juli der „Sportbild“ die mittelfristigen Ambitionen des VfB mitteilte: Bestenfalls sollten in Deutschland „nur zwei Vereine größer sein als wir“. 

Dazu wird es in dieser Saison mutmaßlich noch nicht kommen. Noch auf Betreiben von Schindelmeiser wurde der vormalige Münchner Ex-Nationalspieler Holger Badstuber (28, zuletzt an Schalke 04 ausgeliehen) ablösefrei geholt, um die Defensive zu stabilisieren. Weil Linksverteidiger Emilio Insua mit einer Oberschenkelverletzung zehn Wochen lang ausfällt, wurde ebenfalls ablösefrei ein weiterer ehemaliger deutscher Nationalspieler verpflichtet: Dennis Aogo (30), dessen beste Tage, ähnlich wie bei Badstuber, nun aber schon etwas länger her sind. Trainer Wolf ist dennoch froh um die beiden erfahrenen Neuen: „Sie haben auch eine Wirkung auf junge Spieler. Die wollen denen natürlich zeigen, was sie können.“ Aber das reicht laut Reschke nicht aus. Bei seiner Vorstellung sagte der 59-Jährige: „Es wird ein hartes Ringen, in der Bundesliga zu bleiben. Es wäre schon hilfreich, wenn uns der eine oder andere sinnvolle Coup gelingen würde.“ 

Am Mittwoch ist Jan Schindelmeiser noch einmal kurz in seinem alten Büro gewesen. „Da sind wir uns über den Weg gelaufen.“ Er habe seinem Nachfolger, so Schindelmeiser, „alles Gute für die schwierige Aufgabe“ gewünscht. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion