Es war einmal 1988: Diego Maradona (hinten) vom SSC Neapel gegen Uwe Predow von Lok Leipzig.
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Es war einmal 1988: Diego Maradona (hinten) vom SSC Neapel gegen Uwe Predow von Lok Leipzig.

RB Leipzig

Die Vergangenheit wachgeküsst

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Für Stadt, Verein und Geldgeber ist die Champions-League-Premiere von RB Leipzig ein spezielles Ereignis - aus anderen Blickwinkeln.

Leipzig ist einer jener Standorte, in denen das Fußball-Stadion vom Hauptbahnhof noch gut fußläufig zu erreichen ist. Die meisten Besucher steigen zwar in eine der vielen Straßenbahnen, aber mehr als eine halbe Stunde braucht es nicht bis zum Sportforum. Und mit einem kleinen Umweg über Nikolaikirche, Marktplatz und Gewandhaus kann auch noch ein Hauch Historie geatmet werden. Am Mittwoch erlebt das lebende Leipzig ein neues Kapitel Sportgeschichte: Der erste Auftritt in der Champions League in der Partie gegen AS Monaco (20.45 Uhr) legt Zeugnis ab, welch rasante Entwicklung RB Leipzig genommen hat. Die Königsklasse manifestiert einen Quantensprung.

„Vor fünf Jahren waren wir noch Regionalliga, sind seitdem quasi viermal bis in die Champions League aufgestiegen“, sagt Sportdirektor Ralf Rangnick, der als Architekt des RBL-Gebildes gilt. Beim Startschuss 2009 in der Oberliga hat der Red-Bull-Ableger zuerst gegen VfK Blau-Weiß Leipzig gekickt, wie Vorstandschef Oliver Mintzlaff extra noch einmal nachlesen musste. Der ehemalige Langstreckenläufer und Sportartikelmanager war damals unter anderem noch Rangnicks Manager, stellt aber jetzt für die Messestadt fest: „Die Euphorie ist riesengroß.“

Für Oberbürgermeister Burkhard Jung ist längst das Selbstwertgefühl einer ganzen Region gestiegen. Motto: „Wir sind wieder wer!“ Lange war Leipzigs Fußball nach der Wende in den Niederungen versunken. Wenn die Aushängeschilder aus DDR-Zeiten, Lok oder Chemie (heute Sachsen) Leipzig, Schlagzeilen produzierten, war meist von Misswirtschaft oder Gewalt die Rede. Einstige Erfolge ließen sich wie an so vielen anderen Schauplätzen in Ost oder West eben nicht auf Knopfdruck wiederbeleben.

Nun durften die vergilbten Zeitungsbilder und die verschwommenen Fernsehaufnahmen indes wieder aus den Archiven hervorgekramt werden, um an das bis heute letzte Europacupspiel zu erinnern: Am 26. Oktober 1988 hatte Lokomotive Leipzig im Uefa-Cup den SSC Neapel mit einem gewissen Diego Maradona zu Gast, und mehr als 80 000 Menschen drängelten sich im alten Zentralstadion.

Der Ort ist die beste Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Bei der zur WM 2006 erbauten Arena an selber Stelle wurde Wert darauf gelegt, mehr als nur Rudimente der einst größten deutschen Fußballstätte zu erhalten. Die inzwischen nach dem Dosenkonzern benannte Arena liegt in den mit Gras bewachsenen Stadionwällen. Der angeblich bei Real Madrid auf der Wunschliste aufgetauchte Timo Werner dribbelt also heute ungefähr dort, wo sich früher Heiko Scholz, der heutige Lok-Trainer, in der Maradona-Bewachung versuchte. Trotz aller Skepsis, die sich speziell beim viertklassigen Rivalen Lok gehalten hat, gestand deren Präsident Thomas Löwe dem „Sportinformationsdienst“: „Ohne RB wäre das Zentralstadion eine Ruine mitten in der Stadt.“ Insofern hat das Kunstprodukt die Vergangenheit vielleicht nur modern wachgeküsst.

Jetzt kommt der AS Monaco, ein europäisches Topteam, das es zuletzt bis ins Halbfinale schaffte und trotz des Abgangs von Supertalent Kylian Mbappé über reichlich Potenzial verfügt. Allein, dass die Monegassen ihre Führungsspieler Thomas Lemar oder Joao Moutinho halten konnten, sagt viel über die (wirtschaftliche) Kraft aus, die im Fürstentum den Fußball antreibt. Bei den Sachsen ist das nicht viel anders, nur wird der Fakt hierzulande häufiger thematisiert. Niemand muss das Projekt des Brausemilliardärs Dietrich Mateschitz mögen, aber fußballerisch hat der Emporkömmling die Liga hier bereichert. Der Markenkern entwicklungsfähiger Spieler, die im Gros schon in Zweitligazeiten das Trikot mit dem Bullenlogo trugen, verdient Anerkennung.

Einsatz von Naby Keita ungewiss

Trainer Ralph Hasenhüttl sieht das Champions-League-Debüt als Belohnung und Reifeprüfung zugleich. In der Liga hat seine Mannschaft, bei der das Mitwirken des an den Adduktoren verletzten Antreibers Naby Keita ungewiss ist, angedeutet, dass sie neben Pressing und Umschaltverhalten auch das Ballbesitzspiel besser beherrscht. Auch gegen erfahrenere Konkurrenz? Lediglich die Neuzugänge Kevin Kampl, Jean-Kevin Augustin und Bruma, dazu der erkältete Emil Forsberg haben auf dieser Bühne schon gespielt, doch selbst der Kader von NK Maribor weist mehr Champions-League-Einsätze vor. Trotzdem glaubt Hasenhüttl nicht, dass seine Rasselbande nervös wird. Sondern? „Eher neugierig.“ Die Mehrfachbelastung mit sieben Spielen in drei Wochen – darunter am 26. September das erste Auswärtsspiel beim FC Porto – ist bereits minutiös durchgeplant. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesligisten werden seine Profis nicht mitten in der Nacht zurückjetten, sondern ganz in Ruhe übernachten und frühstücken. Klingt ziemlich vernünftig.

Genau wie die Erwartungshaltung, mit der Rangnick das erste Leipziger Gastspiel im elitären Umfeld überwölben möchte. „Wir wollen auch Deutschland repräsentieren durch Freundlichkeit, durch friedliche Stadionatmosphäre, durch eine herzliche Willkommenskultur“, sagte der Mastermind dem „Kicker“ und blickte dabei besonders auf das letzte Gruppenspiel gegen Besiktas Istanbul am 6. Dezember. Ihm sei wichtig, „dass wir vor allem den türkischen Fans zeigen, wie sehr willkommen sie hier sind.“ Und zu Fuß ins Stadion können sie auch kommen.

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