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Abgang: Für Joachim Löw geht es auf einmal auch um seinen Job.

Joachim Löw

Verblüht und verwelkt

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Nach dem Reinfall beim 0:3 gegen die Niederlande gerät Joachim Löw vor der Frankreich-Partie enorm unter Druck.

Kann es sein, dass die deutsche Nationalmannschaft gerade jenen Sonnenblumen ähnelt, die vor ihrem noch bis Montag bewohnten Hotel in Amsterdam in großen Kübeln an der Ecke der Amstelvlietstraat stecken? Trotz eines goldenen Oktober-Wochenendes, an dem sich die ganze Stadt mit seinen Hundertausenden Touristen in den Grachten erfreute, sind die meisten verblüht und verwelkt. Sie sollen die Umgebung eines noch nicht fertig gestellten Viertels unweit der Amstel aufpeppen, wo noch rege gebaut wird. Das alles ergibt ein gutes Symbolbild für den deutschen Fußball. 

Die Sonnenblumen sind wie manche Nationalspieler: Die Pracht ist dahin. Die Köpfe hängen. Das Drumherum ist wie der Deutsche Fußball-Bund. Es muss sich hier aber erst ein Bauherr finden, der den Großauftrag vergibt. Und dann ein Baumeister, der einen Plan hat, wie das alles mal wieder werden soll. Dass es in der bisherigen Besetzung bei der deutschen Nationalmannschaft eigentlich nicht mehr weitergeht, dafür hat der 0:3-Nackenschlag in der Nations League gegen die Niederlande den letzten Nachweis geliefert. 

Joachim Löw, der angeschlagene Bundestrainer, hat von einer „brutal enttäuschenden Niederlage in der Höhe“ gesprochen. Seine Mannschaft erlebte keine drei Monate nach dem WM-Desaster ihr Déjà-vu-Erlebnis. Vieles erinnerte an das 0:2 im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea: vorne erst die Torphobie und hinten am Ende offen wie ein Scheunentor. Dazwischen fehlten Tempo und Esprit. Die zarten Zeichen der Besserung beim vermeintlichen Neustart gegen Frankreich (0:0) und Peru (2:1) sind nur einen Monat später schon wieder Makulatur.

Zu beklagen war ein kollektiver Systemausfall, den der 58-Jährige in dieser Höhe zuletzt 2007 erlebte – in einem unbedeutenden EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien. Diese Abreibung kommt für den Bundestrainer zur Unzeit, denn nicht nur Löws scharfzüngiger Kritiker Michael Ballack stellt infrage, ob der Südbadener wirklich der richtige Mann für die Neuausrichtung ist. „Wir stehen alle in der Verantwortung, ich als Trainer zuallererst“, räumte der Angeklagte ein.

DFB-Präsident Reinhard Grindel übermittelte am Sonntag, dass man jetzt zusammenstehen müsse: „Dass der Weg unserer Mannschaft nach der WM auch Rückschläge mit sich bringen kann, war uns allen klar. Umso wichtiger ist es, jetzt gemeinsam auf und neben dem Platz als ein Team zusammenzustehen.“ Die typische Durchhalteparole, mit der sich Grindel in schlechtester Politiker-Manier alle Optionen offen hielt. Entlassung Löw inklusive.

Grindel, ein Mann, der schnell mal seine Meinungen ändert, weiß ja: Im DFB-Präsidium sitzen weitere Skeptiker und Zweifler. Bei der turnusgemäßen Sitzung am Freitag, auf der der für die Nationalmannschaft und die Fußballentwicklung zuständige Direktor Oliver Bierhoff ohnehin vom Aushängeschild berichten wollte, dürfte das Thema breiteren Raum einnehmen. Dass mehrere Mitglieder in der Trainerfrage dafür plädieren, den Daumen zu senken, sollte im neuen Wettbewerbsformat ein Abstieg aus der A- in die B-Kategorie zu beklagen sein, gilt als sicher. 

Bezeichnend, dass Löw die vom Dolmetscher aus dem Englischen übersetzte Frage, ob dies eines seiner letzten Länderspiele gewesen sei, nicht verstand. „Für mich, oder was?“, fragte er fast entgeistert. Sodann regte er einen Platztausch an, denn dafür sei er der falsche Ansprechpartner. Er habe nicht vor, aufzuhören. „Not at the moment.“ Aber die Sachlage könnte bald eine andere sein: Das Auswärtsspiel beim Weltmeister Frankreich besitzt auf einmal den Status eines Entscheidungsspiels. 

Wenn sein Trupp sich im Stade de France apathisch der Spielkunst eines Antoine Griezmann, der Kampfkraft eines Paul Pogba und den Fähigkeiten eines Kylian Mbappé ergibt, dann kommt vielleicht auch der angeblich ja wieder geerdete Genussmensch zur Erkenntnis, dass es mehr als nur kosmetische Änderungen braucht. Allerspätestens das Rückspiel gegen die Niederlande (19. November) wird über Löws Zukunft entscheiden. „Ein Abstieg aus der Nations League ist nicht wünschenswert“, gab er pflichtgemäß zu Protokoll, das wolle man verhindern, indem man zuerst am Dienstag punktet, aber wichtiger ist ihm: „Wir müssen alles, was auf uns einprasselt, ausblenden. Wir müssen Charakter zeigen.“ 

Aber es braucht mehr als nur Leidenschaft, Kampf und Einsatz. Es wäre gut, wenn diese Mannschaft mal wieder mit Netz und doppeltem Boden agiert, was schon im merkwürdig schöngefärbten Freundschaftsspiel gegen Peru nicht gelungen war. Auch im 4-3-3-System greifen die Automatismen nicht, und es stimmt die Balance nicht. „Die richtige Ausgewogenheit ist das Schwierigste im Fußball überhaupt“, hatte es der Bundestrainer zuvor genannt, aber ewig Zeit hat in diesem Metier kaum noch jemand. Auch er ist diesen Nimbus längst los – und daran ist der Mann selbst schuld. Noch immer baut der Weltmeistertrainer von 2014 auf eine Achse, die längst brüchig ist. Den Debütanten Mark Uth, 27, anstelle von Leroy Sané, 22, aufzustellen, wirkte irritierend, denn damit sendet die Sportliche Leitung an die junge Garde die völlig falschen Signale.

Erschwerend scheint auch die fehlende Einsicht der arrivierten Garde. Eigentlich erlaubte sich nur der mit Sané zu spät eingewechselte Julian Draxler, obwohl Schuld an den letzten beiden Gegentreffern, die er mit dilettantischen Ballverlusten einleitete, einen kritischen Ansatz: „Es ist die große Frage, warum wir es mit dem Spielermaterial nicht schaffen,  attraktiven Fußball zu spielen. Mir persönlich geht das zu langsam, und es ist zu berechenbar. Es fehlen die Überraschungsmomente, die Ideen, die Risikobereitschaft. So können wir nicht weitermachen.“ Zur unweigerlichen Frage, ob der PSG-Legionär damit nicht die Trainerdiskussion eröffnet habe, antwortete er nur: „Dazu äußere ich mich nicht.“ 

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