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Das furchterregendstes an Fritz Keller sind seine roten Socken.

Fan-Proteste im Fußball

Die Verbände haben versagt

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Der Kern des Problems sind nicht unflätige Ultras in den Kurven der Bundesligastadien. Der Kern des Problems sind die historischen Fehler von DFB und DFL. Ein Kommentar.

Noch am Samstagabend hat der DFB-Präsident Fritz Keller im ZDF-Sportstudio mit Muskeln gespielt, die er und der von ihm leidlich geführte Verband gar nicht haben. Gut, dass der Deutsche Fußball-Bund noch irgendwo ein paar kluge Berater aufgetrieben hat, die die ursprüngliche Basta-Rhetorik („Jetzt ist Schluss“) eines überforderten Verbandschefs prompt wieder kassierte und klugerweise versöhnlichere Töne gegenüber Ultragruppierungen anschlug, die keineswegs nur eine angeblich kleine gewalttätige Randgruppe vertreten. Man muss es so nüchtern feststellen, und da hat Keller mit seinen Vorhaltungen recht: Viele Vereine haben ganz bewusst zur Mitgliedergewinnung gigantisch gewachsene Fanabteilungen gegründet, die um ihre Machtposition wissen und entsprechenden Einfluss gewonnen haben.

Man kann jetzt bejammern, dass Subkulturen erwachsen sind, die den rauen Ton bis über den Rand des fürs brave Bürgertum Erträglichen pflegen. Aber es ist ehrlicherweise nicht erst seit zwei Wochen so, dass immer mal wieder auf Krawall gebürstete Ultragruppen sich gegen das Establishment auflehnen und dabei gravierende Rücksichtslosigkeit im Zwischenmenschlichen offenbaren. Solche Leute sind in der Fanszene nicht isoliert und lassen sich bestimmt nicht von einem 62-jährigen Verbandsfunktionär im Fernsehstudio beeindrucken, dessen furchterregendstes Accessoire die roten Socken sind.

Man kann trefflich darüber debattieren, ob ein älterer Herr im Fadenkreuz auf einem großformatigen Banner in einem Stadionblock gerade in diesen Zeiten nicht nur eine hochgradig unsensible Zeichensprache darstellt, sondern als menschenverachtend und diskriminierend interpretiert werden muss, zumal begleitet von abschätzigen „Hurensohn“-Plakaten. Aber es ist kompletter Unfug, diese Botschaften auch nur annähernd als Mordaufruf zu verstehen. Gut, dass der DFB bereit ist, am Runden Tisch die Grenzen der Enthemmung in der Sprache zu debattieren. Die andere Seite sollte sich dem stellen.

Was unsachgemäße Rhetorik angeht, haben nicht nur die Ultras Kritik auf sich geladen, sondern auch Männer wie der Boss von RB Leipzig, Oliver Mintzlaff, der nach den Schmähungen der vergangenen beiden Wochenenden Leute in der Fanszene wie Schwerverbrecher geißelte, die angeblich „Angst und Schrecken“ verbreiteten, oder der RB-Leipzig-Staranwalt Christoph Schickhardt, ein eigentlich kluger Mann, der in erstaunlicher Schlichtheit Stubenarrest als geeignetes Mittel zum Zweck vortrug: „Da muss man auch mal jemanden einen Tag in der Zelle lassen.“

Dass ausgerechnet diejenigen verbal derart breitbeinig daherkommen, die mit ihrer juristisch pfiffig austarierten Klubstruktur die 50+1-Regel quasi verhöhnen, macht den Runden Tisch zusätzlich zu einer Herausforderung. Verbale Abrüstung darf nicht nur von Fanseite erwartet werden, sondern gerade von denjenigen, gegen die sich der Protest ja gerade richtet. DFB und DFL haben jahrzehntelang so getan, als schütze die 50+1-Regel die Bundesliga vor der Übernahme ganzer Klubs durch millionenschwere Investoren. Dabei haben die Verbände schlicht versagt. Das ist der Kern.

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