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Vor dem Coup: Gareth Southgate. Foto: AFP
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Vor dem Coup: Gareth Southgate.

Deutschlands WM-Gegner England

Vaterfigur und böse Geister

  • VonHendrik Buchheister
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Warum Gareth Southgate vor den schwersten Spiel seiner Trainerkarriere steht - 25 Jahre nach seinem schwärzesten Spiel als Profi.

Manchmal kommt im Leben eine zweite Chance. Die Gelegenheit, mit der Vergangenheit abzuschließen, Für Gareth Southgate ist das der Fall beim EM-Achtelfinale der englischen Nationalmannschaft heute gegen Deutschland 25 Jahre ist es her, dass Southgate einen Moment erlebte, der ihn geprägt hat, an gleicher Stelle, gegen den gleichen Gegner. Im Halbfinale der Heim-EM verschoss er im Elfmeterschießen den entscheidenden Versuch. Mit seinem überhasteten Flachschuss scheiterte er an Andreas Köpke, heute Torwarttrainer der DFB-Auswahl.

Auch wenn 1996 nicht das erste und bekanntlich nicht das letzte Mal war, dass England bei einem Turnier aus „twelve yards“ versagte – Southgates Missgeschick hat einen speziellen Platz im kollektiven Gedächtnis. Die EM war Englands „Summer of Love“, das Land lag sich zu „Three Lions (Football’s Coming Home)“ in den Armen und war einem Titel so nahe wie seit der WM 1966 nicht mehr. Dann verschoss Southgate. „Ich habe das Stadion verlassen und wusste: Ich bin dafür verantwortlich, dass alles vorbei ist“, sagte er im vergangenen Jahr in einem Interview mit Prinz William.

Jetzt also: Die Chance zur Wiedergutmachung. Der Makel von 1996 lässt sich nicht aus der Geschichte löschen. Doch mit einem Sieg über Deutschland würde der einstige Verteidiger den wichtigsten Erfolg seiner Trainer-Karriere feiern. Er hätte bewiesen, dass er ein Mann für große Aufgaben ist, die richtige Besetzung für den „impossible job“ als englischer Nationaltrainer. Aktuell bestehen Zweifel.

Southgate, 50, genießt in England große Wertschätzung, allerdings vor allem als Person, für sein Auftreten in Fragen, die über den Fußball hinaus gehen. Er findet immer den richtigen Ton, wenn es zum Beispiel um Rassismus geht. Das Thema begleitet die Engländer seit einer Weile. Im Oktober 2019 wäre die Mannschaft bei einem Spiel in Bulgarien fast vom Platz gegangen, so schlimm waren die rassistischen Anfeindungen von den Rängen. Der EM-Start wurde überlagert von der Debatte um „taking the knee“, das Hinknien der Spieler vor dem Anpfiff als Zeichen gegen Rassismus. Southgate sagte jeweils die richtigen Worte. Mit seiner einfühlsamen, eloquenten Art ist er die perfekte Vaterfigur für eine junge, kulturell diverse Mannschaft und repräsentiert ein offenes, modernes England. Wenn man so will, ist er das Gegenstück zu Premierminister Boris Johnson, dem Anführer von Brexit-Britannien.

Bei der WM in Russland hat Southgate seiner Nation einen weiteren „Summer of Love“ geschenkt, allerdings wie schon 1996 ohne glückliches Ende. Die Engländer kamen ins Halbfinale und gewannen auf dem Weg dorthin zum ersten Mal bei einer WM ein Elfmeterschießen – eine Disziplin, an der Southgate mit Detailversessenheit gearbeitet hat. Dem Trainer gelang 2018, dass die englische Nationalmannschaft wieder als „likable“ wahrgenommen wurde, als sympathisch, liebenswert, angenehm. Die Kaufhauskette „Marks and Spencer“ vermeldete, dass sich der Verkauf jener Anzugwesten, die Southgate an der Seitenlinie trug, während der WM verdoppelt hatte. Im Halbfinale gegen Kroatien erschöpfte sich die glücksbringende Wirkung des Kleidungsstücks. 1:2, gescheitert – mal wieder.

Die Nacht von Moskau steht bis heute symbolisch für die Vorbehalte, die es gegen Southgate aus fachlicher Sicht gibt. In den viereinhalb Jahren seiner Amtszeit ist es England gelungen, kleinere Gegner zuverlässig zu schlagen, auf einen Sieg gegen einen ähnlich starken oder größeren Kontrahenten in einem bedeutenden Spiel wartet die Mannschaft aber unter Southgate noch. Viele Beobachter lasten ihm einen übervorsichtigen, passiven Spielstil an. Der Trainer gesteht, dass er das Risiko scheut. Das kommt bei den Fans schlecht an. Sie wollen Angriffsfußball sehen, wie er einer großen Fußball-Nation würdig ist, für die sich England hält.

Die Debatten um den Trainer werden nicht verstummen, falls England im Achtelfinale scheitert, gegen einen großen Gegner, und das auch noch in Wembley, mit einem Kader, der nach allgemeiner Auffassung der beste seit Jahren ist. „Die Anzugwesten-Jahre sind vorbei – jetzt ist Southgates schwerste Prüfung“, schrieb die „Times“ schon vor dem Turnier. Gute Laune, schön und gut – jetzt muss Erfolg her! Southgate weiß das. 25 Jahre nach seinem Fehlschuss.

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