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Uwe Seeler – Ein Nachruf auf eine Legende

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Von: Günter Klein

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Einer der ganz Großen - Uwe Seeler 1972 nach seinem Abschiedsspiel im Hamburger Volksparkstadion.
Einer der ganz Großen - Uwe Seeler 1972 nach seinem Abschiedsspiel im Hamburger Volksparkstadion. © dpa

Seine bescheidene Art, sein Einsatz auf dem Platz und ein „Nein“ machten aus dem Fußballer ein Denkmal. Nun ist Uwe Seeler im Alter von 85 Jahren gestorben.

Männer, die im Leben sehr groß geworden sind, obwohl das Leben ihnen nicht die besten Startchancen eingeräumt hat, nennt man gerne: Sohn von...

Uwe Seeler war der „Sohn eines Hamburger Schutenführers“ und wurde ein deutsches Fußball-Idol, eine der ersten Werbe-Ikonen des professionellen Sports, eine Marke: „Uns Uwe“. Nun ist der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft und ewige Hamburger im Alter von 85 Jahren gestorben. In den vergangenen Jahren war er öfter in Kliniken. Er hatte einen Autounfall im Elbtunnel, in seinem Haus stürzte er.

Mit einer Sammlung von Titeln konnte der Mittelstürmer Uwe Seeler nicht dienen. Er war unfassbar vereinstreu – und sein Verein unglücklicherweise der Hamburger SV. Immer dabei, doch zu Seelers Zeit in den 60er-Jahren eben nie ganz vorne. Mit dem DFB-Team bestritt er vier Weltmeisterschaften – von 1958 bis 70 –, doch in Verbindung bringt man ihn mit den Niederlagen. Wembley 1966 – wie er gesenkten Hauptes neben der Musikkapelle den Platz verließ, 2:4 in der Verlängerung hatten die Deutschen verloren. 1970 stand er in Mexiko-City im Jahrhundertspiel, im WM-Halbfinale gegen Italien, auf dem Platz. Diese WM war das eindrucksvolle Spätwerk Seelers – doch der Weg der Mannschaft mit der 3:4-Niederlage, wieder nach Verlängerung, beendet.

Uwe Seeler wirkte auf andere Weise als durch die Liste an Erfolgen. Er stand für Werte, in ihm spiegelte sich eine aufstrebende Nation, die sich vorgenommen hatte, im Wirtschaftswunder nicht abzuheben, weil schließlich noch die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs auf ihr lastete.

Es war absehbar, dass Seeler ein großer Fußballer werden würde. Die WM 1954 verpasste er noch, da war er schließlich Jugendspieler. Schon im Oktober 1954 gehörte er der Mannschaft der deutschen Weltmeister an, da war er 17. Im Jahr 1961 hätte er seine Karriere in eine glamourösere Richtung lenken können. Inter Mailand wollte ihn, der große Trainer Helenio Herrera selbst kam nach Hamburg, quartierte sich mitsamt einem Koffer voller Bargeld im Hotel ein. Man ließ den jungen Uwe in den Koffer blicken, man bot dem HSV über eine Million D-Mark als Ablöse, doch Seeler entschied sich gegen einen Wechsel. Die Summen, die im Raum standen, waren nicht greifbar für ihn. „Ich könnte ja nicht öfter als dreimal am Tag ein Steak essen.“

Lebensfroh und immer für einen Spruch zu haben: Kapitän Uwe.
Lebensfroh und immer für einen Spruch zu haben: Kapitän Uwe. © dpa

Natürlich erfolgte das Nein zu Italien nicht ausschließlich aus Bescheidenheit. Vor allem Adidas, die große Sportartikelfirma, war daran gelegen, Seeler im Land zu halten. Man übertrug ihm die Gebietsvertretung für Norddeutschland, und so kam es, dass Uwe Seeler bei seinem HSV gar nicht immer mittrainieren konnte, weil er in seinem VW Käfer unterwegs zur Kundschaft war. Manchmal hat er sich auf seinen Reisen bei Klubs, die auf der Strecke lagen, fit gehalten. Er war willkommen.

In der 1963 gegründeten Fußball-Bundesliga war die monatliche Gehaltszahlung auf 1200 D-Mark limitiert. Mit der Adidas-Repräsentanz konnte Seeler diese Regel legal aushebeln. Dazu kamen Werbeverträge. Und so stand er vor seinem Alibert im Badezimmer, ein Handtuch über die Schultern gelegt, pfiff „Im Frühtau zu Berge“ und war erleichtert, einen ausreichenden Vorrat an Rasierwasser im Spiegelschrank zu haben.

Einmal mussten die Deutschen um ihren liebsten Fußballer bangen. Ihm riss 1965 die Achillessehne – was zur damaligen Zeit als eine Verletzung galt, die eine Fußballerkarriere beendet. Doch Uwe Seeler kehrte zurück, rechtzeitig zum wichtigsten Länderspiel der Saison, bei dem es um die Teilnahme an der WM 1966 ging. In Stockholm gegen Schweden mussten die Deutschen gewinnen, Seeler trat in einem gepolsterten Spezialschuh an. Schweden schoss das 1:0. Seeler rief den Kameraden zu: „Keiner lässt die Schlappohren hängen.“ Die DFB-Elf gewann 2:1. Siegtorschütze: Uwe Seeler.

1968 trat er aus dem DFB-Team zurück, 1970 folgte er der Bitte von Bundestrainer Helmut Schön um ein Comeback. Doch Uwe Seeler stellte keine Ansprüche. Um den jungen und in blendender Form befindlichen Bayern Gerd Müller nicht zu blockieren, schlug Seeler für sich eine zurückgezogenere Rolle vor. Als hängende Spitze gelang ihm eines der berühmtesten Tore der Fußballgeschichte: mit dem Hinterkopf im Viertelfinale gegen England.

1972 hörte er auf und wurde ausschließlich Geschäftsmann. Dass sich dennoch eine weitere Vereinsstation neben dem Hamburger SV in seine Vita mogelte, ärgerte ihn. 1978 lief er auf Bitte von Adidas für den irischen Klub Cork Celtic auf. Er dachte, es wäre ein Werbespiel, tatsächlich ging es gegen die Shamrock Rovers um Punkte in der ersten Liga. Bei der 2:6-Niederlage erzielte er beide Tore. Man verlernt es halt nicht.

Die Bindung zum HSV war so stark, dass Idol Seeler nicht umhin kam, den Präsidenten zu machen. Er tat es von 1995 bis 98, vermochte den da bereits einsetzenden Niedergang aber nicht aufzuhalten. Vor der Wut der Fans blieb er verschont. Vor dem Volksparkstadion steht eine Skulptur seines Fußes.

Uwe Seeler ist im Fußball immer eine Figur geblieben. Er begleitete die Nationalmannschaft zu Turnieren, war häufig Mitglied der DFB-Delegation – solange es die gesundheitliche Disposition zuließ. Seine „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft“, besetzt mit Ex-Profis, tourt noch immer über die Dörfer und ist unvergänglich berühmt geworden, als Franz Beckenbauer als Präsident von Bayern München die Spieler nach einem verlorenen Match in Lyon 2001 abkanzelte: „Das war Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft.“

Seeler selbst, mit Beckenbauer jedes Jahr zum Skifahren in Obertauern verabredet, hat ihm das nicht krumm genommen. Er hat nie jemandem etwas verübelt. Er war Sportsmann – auf dem Fußballplatz und im Leben. Und bleibt das in der Erinnerung. (Günter Klein)

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