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Uwe Seeler: Held aus einer unschuldigen Zeit

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Von: Günter Klein

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Uwe Seeler wurde 85 Jahre alt.
Uwe Seeler wurde 85 Jahre alt. © dpa

Würde es der heutige Fußball noch zulassen, dass einer seiner Akteure wie Uwe Seeler umfassende Anerkennung erfährt? Wohl leider nicht.

Ein bekannter Mensch ist gestorben, er bekommt einen Nachruf, und schon geht’s weiter im Leben und zurück in den Alltag – diesmal jedoch muss die Zeit stillstehen und ist ein Verweilen angesagt: Um diesen herausragenden Sportler Uwe Seeler zu ehren. Und um nachzudenken über den Wandel in der Szene, die den Fußball umgibt.

Das Bemerkenswerte, was wir erleben durften, seit am Donnerstagabend der Todesfall Seeler publik wurde: Die Anteilnahme war universell. Kein Verein, der es unterlassen hätte, zu kondolieren, und selbst Leute, die beim Thema Profifußball genervt abwinken, sagten: Dieser Uwe Seeler scheint ein besonders angenehmer und anständiger Typ gewesen zu sein.

Uwe Seeler: Von allen Seiten geschätzt

Diese Wertschätzung, die er erfuhr, hat natürlich in erster Linie damit zu tun, dass es in seinem Leben nichts gab, woran man hätte Anstoß nehmen können. Was das hohe Ansehen Seelers unterstützte, war auch eine gesunde Proportion von Segnung mit Talent und sichtbar werdendem Bemühen – bei Franz Beckenbauer kam in der breiten Wahrnehmung die Arbeit (die auch er leistete) zu kurz gegenüber der Genialität, was zur Folge hatte, dass ihm immer auch mit Neid begegnet wurde. Seeler blieb das erspart, deshalb war bei ihm die Vereinnahmung, die sich in der Bezeichnung „Uns Uwe“ ausdrückt, am stärksten. In dieser Liga spielte allenfalls noch Gerd Müller, der „Bomber der Nation“ – auch dies eine Umarmung von allen Seiten.

Doch würde es der heutige Fußball noch zulassen, dass einer seiner Akteure umfassende Anerkennung erfährt? Wohl leider nicht. Gewiss auch getrieben durch den Aufstieg der Sozialen Medien, hat sich eine toxische Diskussionskultur entwickelt, in der die Verbundenheit mit einem Verein gleichgesetzt wird mit Weltanschauung. Wer vereinstreu ist wie Thomas Müller bei Bayern München und sich stets bemüht, gute Öffentlichkeitsarbeit zu machen, wird als Nervensäge abgekanzelt. Wer sich zu einem Wechsel entschließt wie Niklas Süle, und zwar zum spektakulärsten, der innerhalb Deutschlands möglich ist, verliert seine bisherige Anhängerschaft aufgrund der neuen Farben komplett. Selbst Spieler, die Schicksalsschläge erleiden wie derzeit der Neu-Dortmunder Sebastien Haller mit seiner Hodentumor-Diagnose, müssen erleben, dass sich in die Anteilnahme Häme und schlechte Witze mischen.

Uwe Seeler war Fußballer in einer Zeit, deren Unschuld man sich gerade wieder dringlich zurückwünscht. (Günter Klein)

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