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Weglächeln reicht nicht mehr: Raheem Sterling vor geifernden Chelsea-Fans.

Rassismus im Fußball

Unwürdige Kampagnen in England

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Fußballprofi Raheem Sterling hat eine Rassismus-Debatte in England ausgelöst ? doch Veränderungen erscheinen fraglich.

Wenn sich Fußballer über Twitter, Facebook oder Instagram an ihr Publikum wenden, ist der Inhalt nur selten von substanziellem Wert. Meistens nutzen sie ihre digitalen Kanäle, um für Uhren, Sportschuhe und Kopfhörer zu werben oder Fotos von Siegesfeiern in der Umkleidekabine zu veröffentlichen. Der englische Nationalstürmer Raheem Sterling von Manchester City, an diesem Mittwoch in der Champions League Gastgeber der TSG Hoffenheim (21 Uhr), hat seine Präsenz im Internet am Wochenende auf deutlich bedeutsamere Weise genutzt. Er hat eine Debatte über Rassismus im englischen Fußball angestoßen, konkret zu der Frage, ob – und, wenn ja: warum – Englands Medien über schwarze Spieler schlechter berichten als über weiße.

Ausgangspunkt war Manchester Citys Partie beim FC Chelsea (2:0 für Chelsea), bei der Sterling von einigen Fans heftig beleidigt wurde, mutmaßlich rassistisch, die Polizei ermittelt. Der 24 Jahre alte Offensivmann setzte nach dem Spiel auf Instagram eine Nachricht ab, in der er die englische Presse beschuldigte, eine Mitschuld an solchen Vorfällen zu haben. Als Beleg für seine These fügte er zwei Ausschnitte von Berichten der Boulevardzeitung „Daily Mail“ an, die sich komplett verschieden lesen, obwohl sie von dem gleichen Sachverhalt handeln, nämlich von zwei Talenten von Manchester City, die ein Haus gekauft haben.

Bei dem dunkelhäutigen Tosin Adarabioyo klingt die Überschrift reißerisch, die Zeitung nennt sein wöchentliches Gehalt und weist darauf hin, dass er noch kein einziges Spiel in der Premier League gemacht habe. Bei dem hellhäutigen Phil Foden, einem „Starlet“, also Sternchen, heißt es einfach nur, dass er eben ein Haus gekauft habe, und zwar für seine Mutter. Was sich in seinem Fall anhört wie die dankbare Geste eines liebenden Sohns, der durch sein Talent zu Geld gekommen ist, klingt bei Adarabioyo so, als würde jemand mit seinem Reichtum protzen, obwohl er nichts geleistet hat. Es ist ehrenwert, dass Sterling gerade diese Beispiele gewählt hat, doch er hätte genau so gut eine Vielzahl von Berichten über sich selbst anführen können, um seinen Vorwurf der Ungleichbehandlung von schwarzen und weißen Fußballern in Englands Medien zu stützen.

Der auf Jamaika geborene Stürmer ist einer der besten Fußballer Englands, vielleicht sogar der Beste. In der vergangenen Saison trug er 18 Tore und 15 Vorlagen zu Manchester Citys Fabel-Meisterschaft bei, seit 2012 spielt er für die Nationalmannschaft. Trotzdem hat die Berichterstattung über ihn einen rätselhaft negativen Anstrich, der noch einmal über die berüchtigte Boshaftigkeit der englischen Boulevardpresse hinaus geht und nicht alleine damit zu erklären ist, dass Sterlings Wechsel vom FC Liverpool nach Manchester im Sommer 2015 unter kontroversen Umständen zustande kam.

Das jüngste Beispiel einer unwürdigen Kampagne gegen Sterling waren die Berichte vor der WM in Russland über seinen neuen Körperschmuck. Er hatte sich ein Sturmgewehr auf den Unterschenkel tätowieren lassen, aufgrund einer tieferen Bedeutung, wie er beteuerte, nämlich dem gewaltsamen Tod seines Vaters. Vor allem die „Sun“ erhob das Tattoo allerdings zu einem nationalen Skandal.

Schon länger bestand die unbequeme Ahnung, dass dunkelhäutige Spieler in Englands Medien unfair behandelt werden würden, doch erst durch Sterlings Äußerungen nach dem Spiel gegen Chelsea wird das Thema flächendeckend diskutiert. Der City-Profi bekommt viel Zuspruch, unter anderem von Liverpools Trainer Jürgen Klopp: „Diese Dinge werden nicht aufhören, nur, weil wir darüber reden. Aber es ist gut, dass wir mit dem Finger darauf zeigen.“ Diese Dinge, damit meint er Rassismus im Fußball. Seriöse Zeitungen preisen Sterlings Mut, Missstände anzusprechen, und sind in ihrem Urteil eindeutig. „Sterling wird so sehr beleidigt, weil er schwarz ist“, schreibt zum Beispiel die „Times“ und diagnostiziert, dass „Teile der Medien“ rassistisch seien.

Die Frage ist allerdings, ob die Debatte auch Veränderungen bringt. Der ehemalige Nationalspieler Stan Collymore hat da seine Zweifel. In einem Beitrag für den Guardian schreibt er, dass es zwar schön sei, dass „die vielen weißen Männer aus der Mittelschicht bei den nationalen Mainstream-Medien“ ein Rassismus-Problem im englischen Fußball erkennen würden. Doch er glaubt nicht, dass die Einsicht nachhaltig ist: „Sie gehen weiter zur nächsten Story und denken, dass sie ihren Beitrag geleistet hätten. Aber in Wahrheit haben sie nichts gemacht.“

Doch ist es nicht schon ein Fortschritt, dass überhaupt diskutiert wird? Dass sich einige Medien öffentlich hinterfragen? Und, immerhin: In Englands Stadien wurde zuletzt ein harter Kurs gegen Rassismus gefahren. Der Tottenham-Fan, der neulich eine Bananenschale in Richtung von Arsenal-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang warf, wurde noch vor Ort festgenommen. Auch der FC Chelsea reagierte schnell nach den Vorfällen vom Wochenende. Er hat bis auf Weiteres ein Stadionverbot gegen die vier Männer verhängt, die Sterling beleidigt haben.

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