Gedrängel in Nordfrankreich bei Rennes gegen Krasnodar. 
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Gedrängel in Nordfrankreich bei Rennes gegen Krasnodar.

Rennes

Unverantwortliches Gedrängel

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Beim Champions-League-Spiel Rennes gegen Krasnodar tummeln sich Zuschauer eng an eng auf der Tribüne. Das ist unverständlich in Pandemie-Zeiten – und erfordert schnelle Aufklärung. Der Kommentar.

Es gibt einige wenige Protagonisten im deutschen Fußball, die verbinden mit dem Roazhon Park von Rennes nicht viel Gutes. In diesem Fußballstadion mit seinen steilen Tribünen brach sich die deutsche Spielmacherin Dzsenifer Marozsan im Sommer 2019 nach einem bösen Foul zum WM-Auftakt einen Zeh. Trotzdem spielte sie dann noch im Viertelfinale – wieder in Rennes – und Deutschland schied gegen Schweden aus. Die Spielerinnen vergossen auf dem Rasen von Rennes viele Tränen.

Fast noch trauriger ist, was am Dienstagabend in dem 29.778 Plätze bietenden Schmuckkästchen – Roazhon ist der bretonische Namen für Rennes – passierte. 5000 Zuschauer waren für das erste Champions-League-Spiel von Stade Rennes gegen FK Krasnodar (1:1) erlaubt. Voraussetzung sollte sein, dass zwischen jeder Person oder jeder Gruppe ein freier Platz eingehalten wird. Herausgekommen sind aberwitzige Bilder, die vielleicht erklären, warum Frankreich zuletzt mehr als 32 000 Neuinfektionen in 24 Stunden zählte.

Das Verhalten der Besucher ist mit unverantwortlich noch fast zu milde umschrieben. Warum sich die Fans auf der Gegengerade so sorglos so dicht formierten, lauthals sangen und jubelten, während die Tribünen hinter den Toren verwaist bleiben, bedarf einer Erklärung. Während Paris St. Germain gegen Manchester United (1:2) ein Geisterspiel austrug, weil im Großraum Paris und acht Ballungszentren bei Abendspielen keine Zuschauer gestattet sind, taten die Bretonen so, als sei ihre raue Region immun gegen jede Krankheit.

Die Uefa wollte auf FR-Anfrage keinen erhellenden Kommentar zu den verstörenden Vorfällen abgeben. Grundsätzlich dürfen 30 Prozent der Stadionkapazität bei internationalen Partien belegt werden – den Rest regeln die Gesundheitsbehörden vor Ort. Aber so leicht kann es sich die Dachorganisation mit ihrer Verantwortung nicht machen. Sie hatte selbst den Supercup in Budapest als umstrittenen Testversuch vor Zuschauern veranstaltet und dabei penibel darauf hingewiesen, dass die Zuschauer doch artig Maske tragen und Abstand auf den Plätzen halten.

Solche Selbstverständlichkeiten hat Rennes vor einem globalen Fernsehpublikum missachtet – als stände die erste internationale Begegnung seit mehr als einem Vierteljahrhundert über allen Vorsichtsmaßnahmen, die zur Eindämmung des Virus unvermeidlich sind. Den Klub hat übrigens der Milliardär Francois-Henri Pinault, liiert mit der Schauspielerin Salma Hayek, mit einigem Aufwand zur dritten Kraft in Frankreich gemacht.

Was sollen Deutschlands Bundesligisten denken, die sich mit ihren Hygienekonzepte größte Mühe gaben, deren Besucher artig die Auflagen befolgen, nun aber von der Politik bestraft werden, obwohl hierzulande die ersten Spiel mit begrenzter Kulisse keine Ansteckungen erzeugt haben? Die Szenen aus dem Norden Frankreichs sind auch deshalb fatal, weil Anfang März erwiesenermaßen die Champions-League-Achtelfinals Atalanta Bergamo gegen FC Valencia und FC Liverpool gegen Atletico Madrid als „Superspreader“-Events erster Güte dienten, die damals Corona durch halb Europa trugen. Wenn der Profifußball sich nicht an die einfachsten Regeln halten kann, dann sollte das Spiel gestoppt werden. Notfalls die Champions League zuerst.

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