Hat auf höchstem Niveau noch zu oft das Nachsehen: Aymen Barkok (links), hier gegen Bayern-Profi Sebastian Rudy.
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Hat auf höchstem Niveau noch zu oft das Nachsehen: Aymen Barkok (links), hier gegen Bayern-Profi Sebastian Rudy.

U20

Unterwegs mit Zitterfüßen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der Frankfurter Aymen Barkok symbolisiert die Probleme künftiger Generationen. U20-Coach Frank Kramer rät zu einem "Sommer ohne Hängematte".

Aymen Barkok ist schwer beeindruckt gewesen nach getaner Arbeit. Der 20-Jährige von Eintracht Frankfurt gehört zu jenen Auserwählten, die die großen Jungs von Joachim Löw bei der WM-Vorrundensimulation ein bisschen ärgern sollten. Frühes Anlaufen wie Mexiko, Mauertaktik wie Schweden, wildes Herumwuseln wie Südkorea. Als Sparringspartner in Südtirol hat die eigene U20-Nationalmannschaft zweimal auf dem gut frisierten Rasen der Sportzone Rungg beim Hase-und-Igel-Spiel dienlich sein dürfen, es gab ein 1:7 und ein 0:2 für die Jüngeren, und hinterher hat Barkok gesagt: „Es war sehr lehrreich für mich. Speziell von Reus, Sané und Draxler kann ich mir was abschauen und mit in die neue Saison nehmen.“ 

Johannes Eggestein, Nachwuchs-Mittelstürmer mit sieben Bundesligakurzeinsätzen für Werder Bremen, hat sich im ersten Versuch einmal sogar getraut, auf ein Tor zu schießen, in dem Manuel Neuer drinsteht. „Aber“, bedauert Eggestein, in der A-Jugend-Bundesliga vormals ein gefürchteter Mann, „der Ball ging leider am Tor vorbei.“ Ergo stand Neuer beim zweiten Spiel im Tor der U20, damit er was zu tun bekommt. Draxler und Müller trafen gegen ihren eigenen Keeper. 

Sie waren ein wenig mit Zitterfüßen unterwegs, die Barkoks und Eggesteins und all die anderen aus den Jahrgängen 1997 und 1998. Sie heißen David Raum und Eduard Löwen, Lukas Mühl und Christoph Daferner, sie sind allesamt keine Stammkräfte im Oberhaus. zweite Liga, zweite Mannschaft, Ersatzbank, Tribüne. Sie alle quetschen sich durch einen engen Flaschenhals ins Oberhaus.

Die Probleme der Generation

Aymen Barkok steht symbolisch für die Probleme dieser Generation. Der Mittelfeldspieler startete mit einem wunderschönen Tor gleich ins einem ersten Bundesligaspiel für Eintracht Frankfurt durch, es folgten 17 weitere Einsätze in seiner ersten Saison. Dann kamen die Tiefen der Ebene. In der abgelaufenen Spielzeit war die Tribüne sein Stammplatz. „Natürlich hoffe ich, in Zukunft wieder mehr Möglichkeiten zu bekommen. Ich bin 20 Jahre alt und möchte spielen“, sagt er in Südtirol und blinzelt in die Sonne. Hört sich verdächtig nach Wechsel an. Der FC Turin, heißt es, soll interessiert sein. 

Irgendwo auf dem Weg zum gestandenen Bundesligaspieler hat der gebürtige Frankfurter mit marokkanischen Wurzeln seine Unbeschwertheit verloren. Und außerdem, sagt er, „war es schwieriger für mich, weil wir auch einen breiteren und sehr guten Kader bei der Eintracht hatten“. Ein Jahr fast ohne Spielpraxis. Eine sportliche Katastrophe für einen jungen, arbeitssamen Mann, der für den Profifußball sein fix geplantes Maschinenbaustudium nicht antrat. Spielpraxis holte er sich zuletzt vor allem auf dem Gummiplatz in der Nordweststadt mit den alten Kumpels. 

U20-Trainer Frank Kramer kennt solche Probleme zur Genüge. Seit zwei Jahren coacht der einstige Gymnasiallehrer den Nachwuchs. „Die große Zahl an Topspielern, wie in den Jahrgängen 1994 bis 96, haben wir derzeit nicht“, räumt er ein. Noch bis vor kurzem spuckte die ergiebige Nachwuchsquelle des deutschen Fußballs junge Kerle wie Kimmich, Ginter, Süle, Tah, Brandt, Goretzka, Sané, Can und Werner aus. Mit „Kimmich & Co“, sagte dieser Tage Bundestrainer Joachim Löw, wolle er den Umbruch antreten. Nach der WM, versteht sich.

Derzeit droht diese Quelle zu versiegen. „Wir müssen uns strecken, um Qualität nachzuliefern“, sagt Kramer, „derzeit kommen die Jungs auf zu wenige Einsatzzeiten in ihren Klubs.“

Der Fußballlehrer will dafür nicht nur die Vereine rügen, das wäre ihm zu kurz gesprungen. „Es ist auffällig, dass sich viele Klubs wieder verstärkt nach jungen Spielern im Ausland umsehen, die würden ja auch lieber Deutsche holen.“ Wenn die Deutschen nur gut genug wären. International, so der Experte, sei die individuelle Qualität in manchen Altersbereichen beeindruckend höher. Kramer weiß, wovon er spricht. Als DFB-Späher war er im März bei der U17-EM in England unterwegs. Die deutschen Jungen verloren 0:3 gegen die Niederlande und 1:5 gegen Spanien und schieden schon in der Vorrunde aus. Die U19 scheiterte gar schon in der Qualifikation zur diesjährigen EM-Endrunde. 

Im Verband ist man alarmiert. Neulich trafen sich alle Nachwuchstrainer, Analysten und Verbandsverantwortliche unter der Leitung des neuen Elitefußball-Direktors Oliver Bierhoff und des neuen sportlichen Leiters Joti Chatzialexiou zwei Tage und zwei Nächte lang zum Brainstorming in einem Frankfurter Flughafenhotel. „Es gibt bei uns eine neue Offenheit, die Dinge klar anzusprechen“, berichtet Kramer, „wir tun gut daran, nichts schönzufärben.“ Chatzialexiou will sich alsbald sogar mit Kritiker Mehmet Scholl treffen. Das neue DFB-Credo: „Kritische Stimmen sind bei uns willkommen!“ 

Die DFB-Oberen sorgen sich, dass der Nachwuchs inzwischen auch in Athletik und Mentalität – traditionell deutsche Stärken – Nachholbedarf anzeigt. Noch nicht mal kompakt stehen funktioniert mehr. „Unsere Jungs drohen, die typisch deutschen Tugenden zu verlieren, dass es auch mal knallt im Zweikampf“, weiß Chatzialexiou. Im Verband fragt man sich, ob das mit den angenehmen Lebensumständen in Deutschland zu tun haben könnte: Ist der Biss da, um ganz oben anzukommen? Werden die jungen Spieler zu sehr verwöhnt? Sind Vereine, Spieler und Berater oft in Schwächephasen zu ungeduldig? Hinzu kommen falsche Entwicklungen in der Trainingsarbeit. Kramer redet nicht drum herum: „Im Eins gegen Eins sind wir nicht gut genug.“

Einem wie Aymen Barkok, der ein guter Dribbler ist, aber für sein Spiel umso mehr Selbstvertrauen und Sicherheit benötigt, hat Eintracht Frankfurt die Möglichkeit genommen, in der eigenen U23 Spielpraxis zu bekommen. Das Juniorteam ist in der Verantwortung von Präsident Peter Fischer vor vier Jahren übereilt abgemeldet worden, um Geld zu sparen. Die später gekommene sportliche Leitung unter Fredi Bobic bedauert das.

Ähnlich kurzsichtige Entscheidungen wie die Eintracht trafen alleine im Rhein-Main-Gebiet Darmstadt 98, Kickers Offenbach, der FSV Frankfurt und der SV Wehen-Wiesbaden. „Nicht gut“ nennt DFB-Coach Kramer diese Entwicklung. Aber er fordert auch den jungen Barkok auf, zu beißen: „Niko Kovac hätte ihn ja ihn ja eingesetzt, wenn er gut genug gewesen wäre. Er muss mehr Seriosität, Kontinuität und Verlässlichkeit in sein Spiel bekommen.“ Die Eintracht, so Kramer, sei in der Bundesliga „einen Schritt weitergegangen. Aymen nicht.“ Der Trainer rät zu einem „Sommer ohne Hängematte“. Ein Anfang ist schon mal gemacht in dieser Woche beim Sparring gegen den Weltmeister. 

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