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Unter null Grad

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Von: Jan Christian Müller

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Auffallend schlecht gelaunt: Bundestrainer Hansi Flick.
Auffallend schlecht gelaunt: Bundestrainer Hansi Flick. © dpa

Der DFB schickt keinen Spieler zur offiziellen Pressekonferenz, weil der Weg zu weit sei - für dieses eher nicht besonders respektvolle Verhalten erntet der Verband Kopfschütteln.

Das Verhältnis des Deutschen Fußball-Bundes zum Weltfußballverband Fifa könnte ja ohnehin schlechter nicht sein. Man mag sich nicht. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Jetzt ist es unter der erbarmungslosen Sonne Katars zu einer weiteren Abkühlung gekommen. Derzeit: unter null Grad.

Seit Monaten hatte man im Lager der deutschen Nationalmannschaft gehofft, dass sämtliche Pressekonferenzen im eigenen DFB-Medienzentrum im Norden des Emirats, 110 Kilometer von der Hauptstadt Doha entfernt, veranstaltet werden könnten. Dass das am Veto der Fifa scheitern könnte, war den Verantwortlichen beim DFB jedoch stets klar gewesen. Denn um die internationalen Medien optimal zu versorgen und unnötige Wege durch die Stadt zu ersparen, hatte die Fifa erstmals bei einer WM entschieden, dass alle der obligatorischen Pressekonferenzen am Tag vor den Spielen im zentralen Medienzentrum am Stadtrand von Doha stattfinden müssen.

Zudem war beschlossen worden, dass die Teams ihr Abschlusstraining nicht in den Stadien durchzuführen haben, sondern auf ihren Trainingsplätzen in der Nähe ihrer Team-Basecamps. So wollte man einerseits den Rasen in den Spielstätten schonen und andererseits verhindern, dass Mannschaftsbusse unnötig im dichten Verkehr von Doha steckenbleiben. Nachvollziehbare Argumente.

Nicht gerade respektvoll

Bei früheren Weltmeisterschaften hatte dieses Prinzip aufgrund der großen Entfernungen nicht gelten können. Da war es stets so gewesen, dass der Cheftrainer und ein Spieler am Nachmittag vor dem Spiel im Rahmen des Abschlusstrainings im jeweiligen Stadion zur Pressekonferenz erscheinen. Alle Nationen hatten sich an dieses von der Fifa zwingend vorgegebene Prozedere zu halten und taten das in der Regel auch.

In Katar ist alles anders. Hier befinden sich die acht Stadien im Umkreis von höchstens 60 Kilometern, fast alle Teams haben in Doha oder unmittelbarer Umgebung eine Bleibe für ihren WM-Aufenthalt gefunden und ersparen sich so mühevolle Wegstrecken. Nur Belgien (90 Kilometer südwestlich) und Deutschland (110 Kilometer nördlich) haben sich anders entschieden. Die Folgen waren ihnen klar, beim DFB lehnt man sich dennoch auf wie ein trotziges Kind.

Zur Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Spanien erschien deshalb ein auffällig übellauniger Bundestrainer Hansi Flick ohne einen Spieler an seiner Seite. Die Begründung: „Wir wollten keinem Spieler zumuten, so lange zu fahren. Das sind fast drei Stunden im Auto. Die sollen sich in der wichtigen Phase aufs Training vorbereiten. Wir sind schon enttäuscht. Wir haben ein richtig gutes Medienzentrum. Aber es ist halt so, das müssen wir akzeptieren, wie so vieles.“

Als professionell und respektvoll gegenüber Ausrichter Katar, Veranstalter Fifa und den Medien kann dieses Verhalten eher nicht bezeichnet werden. Der DFB erntete Kopfschütteln und nimmt eine Fifa-Strafe in Kauf. Zumal die Wege in Katar ja ohnehin viel kürzer sind als zuletzt bei den WM-Turnieren in Russland und Brasilien, auch bei der paneuropäischen Europameisterschaft 2021 oder ganz profan: bei Bundesligaspielen. Da ist es üblich, dass Spieler, Trainer und Betreuer am Tag vor den Spielen oft über viele Stunden anreisen.

Halbe Stunde Fahrtzeit

Der DFB hat zudem das seltene Glück, dass zwei seiner drei Vorrundenspiele ins Al Bayt-Stadion gelost wurden. Das ist nämlich die einzige Arena, die wirklich außerhalb von Doha liegt, und zwar praktisch auf halbem Weg nördlich von der Metropole zum deutschen WM-Camp. Was bedeutet: Zum Spiel am Sonntagabend gegen Spanien konnte der deutsche Tross binnen einer guten halben Stunde direkt aus dem Zulal Wellness Resort anreisen. Das gilt auch für die Partie am nächsten Donnerstag gegen Costa Rica. Man trifft sich sozusagen in der Mitte. Aber davon sind DFB und Fifa schon lange weit entfernt.

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