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Einsam am Frühstückstisch: Fritz Keller bei der DFB-Tagung in Potsdam.
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Einsam am Frühstückstisch: Fritz Keller bei der DFB-Tagung in Potsdam.

Deutscher Fußball-Bund

DFB-Präsident Fritz Keller vor dem Aus - Prominente Nachfolger werden gehandelt

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Fritz Keller hat als DFB-Präsident einiges gut gemeint, aber vieles schlecht gemacht – so wird seine Amtszeit ein bitteres, vorzeitiges Ende nehmen.

Frankfurt - Akkurat hängt das Sakko über dem Stuhl, vor ihm stehen Brötchen, Kaffee, Joghurt und ein Ei. Dieses Bild vom allein am Tisch frühstückenden Fritz Keller entstand am Wochenende in einem Hotel in Potsdam am Templiner See, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) blickte irgendwie ins Leere. Der Schnappschuss auf der Zielgerade seiner Amtszeit fügt sich nahtlos in die Sequenz beim Start. Unvergessen, wie der gerade zum neuen Oberhaupt des größten deutschen Sportverbandes ernannte Gastronom vom Kaiserstuhl auf der Bühne der Frankfurter Messe mit einem Blumenstrauß in der Hand herumlief und fragte: „Wo soll ich denn hin?“

DFB-Präsident Fritz Keller: Historisches Misstrauensvotum

Das war am 27. September 2019, als auf dem DFB-Bundestag 257 Delegierte nach einem einstimmigen Votum noch aufmunternden Applaus spendeten. Davon ist 584 Tage später nichts mehr geblieben. Seit dem Wochenende hängt ein historisches Misstrauensvotum über dem 13. Präsidenten der DFB-Historie. Die Chefs der Regional- und Landesverbände fordern den Rücktritt: mit 26 Ja-Stimmen für die Abberufung, neun Nein-Stimmen, zwei Enthaltungen. Der 64-Jährige muss für sich ausloten, wie lange er das Kreuzfeuer der Kritik noch aushält. Auch wenn sein Intimfeind, Generalsekretär Friedrich Curtius, ebenfalls seines Amtes enthoben werden soll und Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge bei je 13 Gegenstimmen nicht unerheblich beschädigt sind – alles blickt zuerst auf Keller.

Trifft er keine Entscheidung, muss der DFB-Vorstand entscheiden, die Zerreißprobe würde in ein noch größeres Gremium verlagert. Es könnte auf eine Kampfabstimmung hinauslaufen. Dass erst ein außerordentlicher Bundestag die Machtfrage entscheidet, soll eigentlich verhindert werden. Beugt sich der preisgekrönte Winzer dem öffentlichen Druck, würden zuerst die beiden DFB-Vizepräsidenten übernehmen: also ein drittes Mal Strippenzieher Koch und Peter Peters als Stellvertretender Sprecher des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Keller wäre nach Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel der dritte DFB-Boss, der nach einer Schlammschlacht scheidet.

Wer könnte Keller folgen?

Uli Hoeneß: Der Ehrenpräsident von Bayer München hat nach seinem kurzen Intermezzo als TV-Analyst eigentlich jede Menge Zeit. Außerdem weiß der 69-Jährige bekanntlich ohnehin alles am besten. Befrieden könnte die „Abteilung Attacke“ den Verband aber kaum – eher im Gegenteil.

Karl-Heinz Rummenigge: Der scheidende Vorstandsboss der Bayern wäre ebenfalls bald verfügbar. Als Strippenzieher bei der Europäischen Klubvereinigung ECA und neuerdings auch im Uefa-Exekutivkomitee weiß der 65-Jährige, wie Verbandsarbeit geht. Ob Rummenigge bei den Amateuren punkten könnte, scheint allerdings mehr als fraglich.

Philipp Lahm: Der Weltmeister-Kapitän wird schon seit einiger Zeit als künftiger DFB-Präsident gehandelt. Doch obwohl der 37-Jährige für den deutschen EM-Spielort München zuständig ist und als Turnierdirektor der EM 2024 fungieren soll, fehlt Lahm die Funktionärs-Erfahrung.

Dagmar Freitag: Die scheidende Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags hat sich in der Vergangenheit immer wieder als Kritikerin der Fußballbosse hervorgetan. Die 68 Jahre alte SPD-Frau hätte durch ihre Erfahrung in der Politik sicher keine Berührungsängste mit schwierigen Themen und kennt sich auch mit dem Gehabe älterer Männer in Machtpositionen aus.

Nadine Keßler: Die frühere Nationalspielerin und Europameisterin von 2013 wäre mit Sicherheit die charmanteste Lösung. Die unverbrauchte und kluge Keßler würde für einen echten Neuanfang stehen. Obwohl die gebürtige Pfälzerin erst 33 Jahre alt ist, hat sie zudem als Uefa-Chefin für den Frauenfußball bereits Verbandserfahrung gesammelt. sid

Alle Skeptiker könnten sich bestätigt fühlen, dass sich der ehemalige Präsident des SC Freiburg an dieser Herausforderung verheben musste. Um die Klammer zu bilden, fehlte ihm einiges – auch an Gespür für die internen Strömungen. Amateure und Profis lagen bereits bei seinem Amtsantritt im Clinch, die Frauen fühlten sich als fünftes Rad am Wagen, den oft wie ein Gutsherr führenden Grindel mit seinen Zuständigkeiten in Uefa und Fifa konnten viele Verbandsangestellte nicht mehr gut leiden.

DFB-Präsident Fritz Keller: Untragbarer Nazi-Vergleich

Diese Gräben sollte der leutselige Genussmensch mit der netten verwandtschaftlichen Verbindung zum deutschen Fußballidol Fritz Walter schließen. Nur: Wenn die damals herrschenden Streitpunkte einer kleinen Schlucht im Schwarzwald glichen, hat sich jetzt ein Grand Canyon aufgetan. Nie war der Verband gespaltener. Dass ausgerechnet Keller seinen Gegenspieler Koch mit einem der schlimmsten Nazi-Richter verglich, machte ihn für viele untragbar. Seine cholerische Ader war durchaus bekannt, aber für diese Entgleisung fehlen weiterhin die Erklärungen.

Die hauseigene Ethikkommission prüft vermutlich die verbale Tirade aus dem Intriganten-Stadl im Frankfurter Stadtwald. Dem vierköpfigen Gremium der Sittenwächter kommt eine Schlüsselrolle – diese Einlassung will Keller dem Vernehmen nach erst einmal abwarten. Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass sich die Herrschaften so in die Haare bekamen? Koch, Curtius und Osnabrügge unterschätzten offenbar, mit welch Verve sich der Präsident trotz frisch beschnittener Richtlinienkompetenz hinter den Kulissen an die Aufräumarbeiten machte. Der Winzer und Weinhändler drehte mehr Steine um als vielen lieb war; störte sich früh an dubiosen Beraterverträgen, die die Gegenseite bereits seit April 2019 mit dem Medienberater Kurt Diekmann geschlossen hatte. Offenbar sind annähernd eine halbe Million Euro geflossen. Wofür? Gerade den zwölf DFL-Vertretern im DFB-Vorstand – dort mit doppelter Stimme versehen – stören sich gewaltig an diesem undurchsichtigen Geflecht, das vor allem Koch belastet.

Keller wollte hier Einsicht haben, so wie er oft das Richtige dachte, es aber genauso häufig schlecht machte. Manche seiner Vorstöße – wie ein Fünf-Punkte-Plan für mehr Nachhaltigkeit – wirkten auch naiv. Zur Überforderung setzte sich dann noch die Corona-Krise obendrauf. Viele Mitarbeiter im Homeoffice, gekappte Verbindungen, neue Arbeitsabläufe. Für einen noch nicht optimal vernetzten Präsident waren das schlechte Bedingungen, um inmitten so vieler Minenfelder seiner Geschäftstätigkeit nachzugehen. Ohne verbindende Vier-Augen-Gespräche.

In der erzwungenen Distanz unterliefen Keller sogar Fehler im Umgang mit Joachim Löw, den er doch eigentlich so gut kannte. Selbst der Bundestrainer ging auf Distanz zu einem Mann, der als DFB-Chef keine Zukunft hat. Vielleicht hat die damals eigens einberufene Findungskommission schlicht den falschen Kandidaten ausgewählt. Wer irgendwann auf Keller folgt, sollte daher nicht wieder von denselben sechs Herrschaften aus DFB und DFL bestimmt werden. Es braucht einen Neuanfang auf allen Ebenen. Reinen Tisch.

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