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Wer am Nachmittag statt zur besten Sendezeit am Abend kickt, hat automatisch verloren.

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Unnötige Abrechnung

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Steffi Jones hat den deutschen WM-Start, der den unverbrauchten Gesichter und einer bienenfleißigen Chefin gehört hätte, für ihre Zwecke benutzt.

Natürlich konnten die Frauen diesen Vergleich gegen die Männer nicht gewinnen. Wer am Nachmittag statt zur besten Sendezeit am Abend kickt, hat automatisch verloren. Doch sind die 4,38 Millionen Zuschauer, die am Pfingstsamstag bei der ARD den fürwahr zähen WM-Auftakt der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gegen China (1:0) verfolgten, ein erstes Statement. Bei RTL schauten dann sieben Millionen zu, wie sich die Männer zu einem nicht berauschenden Pflichterfolg in der EM-Qualifikation in Weißrussland (2:0) mühten. Der Marktanteil – für Experten die wahre Kenngröße – war übrigens bei den Frauen deutlich besser als bei den Männern.

Von der Aufmerksamkeit, die der Frauenfußball die nächsten Wochen erfährt, hat auch Steffi Jones etwas abgeschöpft. Punktgenau mit Turnierstart platzierte die ehemalige Bundestrainerin im „Spiegel“ ihre Generalabrechnung. Im Zentrum der Kritik: der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Draufhauen geht immer, doch in diesem Fall wirkt das Nachtreten einer ehemaligen Sympathieträgerin verstörend, ihre Argumentation hanebüchen. Es mag bis heute noch Männer-Klüngel im größten deutschen Sportverband geben, aber eines ist unbestritten: Wenn eine weibliche Person in der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald fast jede erdenkliche Rückendeckung erfuhr, dann die extrem empathische Jones mit ihrer besonders schwierigen Lebensgeschichte. Ihre Ernennung zur Organisationschefin der Frauen-WM 2011 öffnete der damals abseits des Platzes noch unerfahrenen Nationalspielerin viele Türen.

Sie kam als dauerlächelnde Botschafterin des Heimturniers prima rüber und bekam danach im Hause den (gut bezahlten) Posten als Direktorin für Frauen- und Mädchenfußball. Als sie sich damals nicht verwirklichen konnte (und andere wie die heutige DFB-Direktorin Heike Ullrich längst ihre Arbeit erledigten), war sie es selbst, die den damaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach bekniete, doch bitte, bitte das Erbe von Silvia Neid als Bundestrainerin antreten zu dürfen. Obwohl sie nie als Vereins- geschweige denn Nachwuchstrainerin gearbeitet hatte. Der Verband schoss damit ein Eigentor – und musste erst Nothelfer Horst Hrubesch einsetzen, um wieder Harmonie bei seinen Frauen herzustellen.

Wer rückblickend mit Nationalspielerinnen spricht, erfährt von grotesken Sitzungen und chaotischen Trainingseinheiten, wirren Taktiken und schwacher Führung. Dass der DFB erst auf die Überforderung reagierte, als die WM-Qualifikation in akute Gefahr geriet, hat Jones wohl vergessen.

Sie hat den deutschen WM-Start, der den unverbrauchten Gesichter und einer bienenfleißigen Chefin gehört hätte, für ihre Zwecke benutzt. Ungewiss, ob sie mal über eigene Defizite nachdenkt. Zusammen mit ihrer Frau Nicole lebt die gebürtige Frankfurterin inzwischen in Gelsenkirchen, arbeitet in deren Firma mit und hält Vorträge. Sie sagt, dass Fußball ihr Leben bleibt. Insofern erfreulich, dass sie nebenbei die Fußballerinnen des SSV Buer in der Landesliga betreut. Viel tiefer geht’s nicht. Damit holt sie endlich jenen Rückstand an praktischer Erfahrung auf, der ihr so krachend auf die Füße fiel. Das wird noch ein bisschen dauern. Bis dahin wäre sie gut beraten, einfach mal zu schweigen.

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