Vor allem der Umgang mit dem Profi Birger Verstraete, der öffentlich in nicht autorisierten Statements begründete persönliche Bedenken anmeldete, wirkt verstörend.
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Vor allem der Umgang mit dem Profi Birger Verstraete, der öffentlich in nicht autorisierten Statements begründete persönliche Bedenken anmeldete, wirkt verstörend.

Kommentar

Unmündige Marionetten

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der 1. FC Köln verpasst seinen Profis einen Maulkorb - und entlarvt damit die moralische Messlatte, unter der die Bundesliga für die Fortsetzung durchkriecht. Ein Kommentar.

Am Montagmorgen war die Erleichterung rund um das Geißbockheim mit Händen greifbar. Weil die Nachrichtenlage ergab: weitere Corona-Tests negativ, Trainingsbetrieb kann weiterlaufen. Für einen Bundesligisten wie den 1. FC Köln, der drei positive Corona-Fälle zugleich als positives Signal für das funktionierende Hygiene- und Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gewertet hat, mag das vordergründig tatsächlich so sein.

Die Hintergründe sind allerdings fragwürdig. Vor allem der Umgang mit dem Profi Birger Verstraete, der öffentlich in nicht autorisierten Statements begründete persönliche Bedenken anmeldete, wirkt verstörend. Da werden Übersetzungsfehler vorgegeben, obwohl die in belgischen Medien vorgebrachten Statements wenig Interpretationsspielraum lassen: Ein 26-Jähriger macht sich vor allem wegen seiner zur Risikogruppe zählenden Lebensgefährtin große Sorgen. Aber kritische Protagonisten werden dann eben über die eigenen Klubmedien eingefangen – und rasch wieder auf Linie der Liga gebürstet. Dazu passt der nächste Rundbrief, den die DFL prompt an ihre 36 Klubs verschickt hat. Künftig sollen die Vereine einfach nicht mehr über die eigenen Testergebnisse Auskunft geben. Die zentrale Kommunikation hat den Vorteil, unangenehme Nachrichten zunächst verschweigen zu können.

Für Zweifel – auch ethischer Art – ist gerade jetzt mal gar kein Platz, wo der Profifußball schon am Mittwoch auf die Zustimmung der großen Politik hofft. Die meisten Vereine brauchen wieder das Geld. Das Fernsehen soll gespielte Normalität auf dem Fußballplatz übertragen. Und deren Hauptdarsteller haben gefälligst ihre Scheuklappen anzulegen.

Auf der einen Seite sollen sie ein klinisch reines Leben führen, von ihren Mitspielern beim Essen, Umziehen oder Duschen viel Abstand halten, auf der anderen Seite sollen sie bald wieder Gegenspielern in die Parade grätschen, sie beim Eckball am Trikot zerren und am besten den heißen Atem vor dem nächsten Kopfballduell spüren lassen. Ob das wirklich zusammenpasst? Besser ist, wenn die Darsteller selbst über ihre offensichtlichen Widersprüche nicht nachdenken. Und erst recht nicht unautorisiert etwas dazu sagen. Verstraete hat angedeutet, dass er mit seinen Vorbehalten kein Einzelfall ist, würde mal eine Umfrage gemacht, bei der alle ihre Meinung sagen könnten. Aber die gut bezahlten Balltreter sind unmündige Marionetten. Nicht mehr und nicht weniger.

Auch Fredi Bobic, der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, kennt das heikle Spannungsfeld. Bei den Hessen hatten einige Akteure intern ihre Ängste geäußert, als das unbekannte Virus in Deutschland auf dem Vormarsch war – und das Geisterspiel in der Europa League gegen den FC Basel am 12. März noch zur Austragung kam. Deshalb, so erläuterte Bobic nun mit genügend zeitlichem Abstand, würden diese Betroffenen dann vielleicht nicht mehr spielen, aber man dürfe sie dafür nicht verurteilen. Noch schlimmer wäre es allerdings, wenn die Bundesligaprofis sich allerorten schweigend fügen. Das Vorgehen im Kölner Fall hat nunmehr die moralische Messlatte entlarvt, unter der die Bundesliga für die Fortsetzung durchkriecht.

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