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Bierselig: Stürmer Sebastian Polter läutet die Berliner Aufstiegsfeier ein.

Relegation

Union Berlin steigt auf - ein etwas anderer Fußballklub bereichert die Bundesliga

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Union Berlin will auch in der Bundesliga ein bisschen anders sein.

In den Minuten vor der ultimativen Gefühlseruption hielt es Dirk Zingler nicht mehr auf seinem Platz. Die unerträgliche Anspannung machte Unions Präsidenten in der Nachspielzeit Beine – und als Schiedsrichter Christian Dingert den ersten Aufstieg der Berliner in die Bundesliga mit dem Abpfiff perfekt machte, weilte Zingler gerade auf der Herrentoilette. Seine Frau war gleich nebenan bei den Damen. „Danach“, berichtete der 54-jährige Zingler später, „haben wir uns getroffen und abgeklatscht.“

Die Party im Stadion An der Alten Försterei war da längst in vollem Gange – und bei der rauschenden Feier, die bis in den frühen Morgen dauerte, war viel vom großen Zusammenhalt innerhalb des Klubs und der Mannschaft die Rede. „Der ganze Verein hat ein Jahr lang alles für dieses Ziel gegeben, dafür braucht es viele Hände“, betonte stellvertretend Cheftrainer Urs Fischer, der im letzten Sommer vom FC Basel zu den „Eisernen“ gekommen war – und dessen Team nach dem 2:2 im ersten Relegationsduell mit dem VfB Stuttgart nun ein 0:0 für den großen Coup reichte.

Mit Basel spielte der Übungsleiter aus dem Kanton Luzern schon in der Champions League, mit Union wird er demnächst den 56. Klub seit Einführung der Bundesliga in die Partien gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig führen. Und zudem für das erste Berliner Stadtduell in der höchsten Spielklasse seit 43 Jahren sorgen. „Ich glaube, Hertha kann sich auf ein geiles Derby freuen“, kommentierte Angreifer Sebastian Polter, einen Vereinsschal um den Kopf gebunden, diesen speziellen Ausblick. „Und die ganze Bundesliga auf ein sehr, sehr schönes Stadion mit sehr besonderen Fans.“

Stadion Marke Eigenbau

Mit ins Obergeschoss werden die Köpenicker auch ihren Ruf tragen, ein etwas anderer Fußballklub zu sein, der dem hemmungslosen Kommerz der Branche nicht auf Schritt und Tritt folgt. „Wir konzentrieren uns auf Fußball, lassen eine Menge weg“, umriss Präsident Zingler, seit 15 Jahren im Amt, inmitten der Aufstiegseuphorie das Wesen des Vereins und sagte dann: „Ich freue mich, dass wir nun auch der Bundesliga zeigen können, dass weniger mehr ist.“

Nicht weniger, sondern mehr Zuschauer soll es in Zukunft aber auch in der Wuhlheide geben. Die jetzige Arena, in der bei entsprechenden Windverhältnissen der Bratwurstgeruch durch die Ränge zieht und die Anzeigetafel noch von Hand betätigt wird, soll von 22.000 auf 37.000 Plätze ausgebaut werden. Die für die Bundesliga geforderte Mindestanzahl von 8000 Sitzplätzen erfüllt die Alte Försterei aktuell bei weitem nicht, Union wird deshalb erst einmal mit einer Ausnahmegenehmigung in die neue Saison gehen.

Schon zu DDR-Zeiten galt die Sympathie für diesen Verein zugleich als Bekenntnis gegen das Establishment. Ab Juni 2008 halfen rund 2000 Union-Fans eigenhändig dabei mit, das Stadion auf Vordermann zu bringen. Dem Klub ersparte die geballte Solidarität Kosten von 2,5 Millionen Euro. Und Geschichten wie diese waren es, die Klubchef Zingler schließlich zu dem melancholisch-erschöpften Bekenntnis führten: „Union und erste Bundesliga – ich habe 40 Jahre lang auf diesen Tag gewartet. Aber jetzt, wo es so weit ist, hört es sich für mich total komisch an.“

Um den langgehegten Traum von der ersten Liga zu verwirklichen, holten die Berliner nach einer schwierigen Vorsaison neben Chefcoach Fischer vor zwölf Monaten auch Oliver Ruhnert als Geschäftsführer Sport ins Boot. Der gebürtige Sauerländer, früher Direktor der Schalker Knappenschmiede, war zuvor bereits ein Jahr als Chefscout für Union tätig gewesen. Am Montagabend sagte er nun beeindruckt: „Was hier heute passiert ist, kann man nicht mit Worten beschreiben. Die Leute haben sich so danach gesehnt.“

Das Bild von der heilen, tat- und widerstandskräftigen Großfamilie wollen die Unioner ab August auch in der Bundesliga verbreiten. Sportlich angeführt vom 53-jährigen Schweizer Urs Fischer, der in der Nacht auf Dienstag irgendwann noch in aller Ruhe erklärte: „Das ist ein Klub mit einem Geist, hier ziehen alle am gleichen Strang. Sonst wäre dieser Aufstieg nicht möglich gewesen.“

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