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Wird Deutschland EM-Ausrichter 2024? Darüber entscheidet die Uefa-Exekutive am Donnerstag

EM 2024

Von Ungereimtheiten und Unsicherheiten

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Warum Deutschland die EM 2024 längst noch nicht sicher hat und welche Einflüsse vor der Entscheidung auf die Uefa-Exekutive wirken.

Michael van Praag mag sich nicht festlegen. Und schon gar nicht öffentlich. Für wen der niederländische Spitzenfunktionär stimmt, wenn die Bewerbungsdelegationen des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und des Türkischen Fußball-Verbands (TFF) am Donnerstag ihre Anwartschaft auf die Euro 2024 in Wort und Bild präsentiert und Rückfragen pariert haben? „Die Abstimmung ist geheim. Und ich sage nichts über die Art, wie ich zu meiner Wahl komme“, richtete der 71-Jährige im „Telegraaf“ aus. Das klang fast selbstgefällig.

Der niederländische Verbandspräsident gilt als Schwergewicht in der 20-köpfigen Exekutive der Europäischen Fußball-Union (Uefa). Seit fast zehn Jahren ist er dabei. Eigentlich wollte der ehemalige Vereinsboss von Ajax Amsterdam ja mal viel höher hinaus. 2015 plante er kurzfristig, als Fifa-Boss zu kandidieren; 2016 trat er dann bei der Uefa-Präsidentenwahl an. Doch das Rennen machte der Slowene Aleksandar Ceferin, den auch der DFB und dessen Präsident Reinhard Grindel unterstützten. Es heißt, diese Niederlage habe der Niederländer bis heute den Deutschen nicht verziehen. Stimmt er aber deshalb morgen in der Uefa-Zentrale im schweizerischen Nyon am Genfer See für die Türkei?

Eine von vielen vertrackten Personalien, die verdeutlicht, wie viele Einflussfaktoren bei einer Turniervergabe einwirken. Was im Evaluierungsbericht der Uefa-Administration steht – Punktsieger Deutschland –, ist die eine Seite. Dazu kommen verlässliche Stimmen, dass sich speziell die Führung um Ceferin einen sicheren, stabilen Partner für die übernächste EM wünscht, weil ihnen nach dem Experiment einer über ganz Europa von Baku, Budapest bis Bilbao verteilten Euro 2020 ein polarisierender Ausrichter 2024, der möglicherweise das Event auch noch politisch instrumentalisiert, mehr Risiko als Chance bietet. Doch auf der anderen Seite steht die Beeinflussbarkeit von Wahlmännern.

Tod von Lee als Nachteil?

Der Mitbewerber Türkei hat früh für seine Zwecke die Agentur Vero Communications eingespannt, die sich aufs Netzwerken versteht, um Großereignisse auch in nicht bestens beleumundete Länder zu ziehen. Allerdings ist Mike Lee, deren Gründer, Anfang September an Herzversagen gestorben. Mit 61 Jahren. Der weltweit tätige PR-Stratege war Kommunikationschef für die Londoner Olympiabewerbung, hatte geholfen, dass die WM 2022 nach Katar ging und sich zuletzt hinter den Kulissen für die Türkei eingesetzt. Es wird sogar gemutmaßt, Lee könne der wahre Strippenzieher der Affäre Mesut Özil gewesen sein, um der deutschen Bewerbung zu schaden. Und er half definitiv mit, dass Gianni Infantino vom Uefa-Generalsekretär zum Fifa-Präsidenten aufsteigen konnte. Womit sich auch der Kreis schließt, weshalb Infantino sich mit dem türkischen Staatpräsidenten Recep Tayyip Erdogan traf und die Bewerbung so ausdrücklich lobte.

Es heißt, die deutsche Delegation solle sich mal bloß nicht zu sicher sein. Schon gegen den EM-Ausrichter Frankreich 2016 verlor die Türkei nur denkbar knapp mit 6:7 Stimmen. Fest auf türkischer Seite soll aus dem Entscheiderzirkel bereits der Ukrainer Grigori Surkis stehen. Der affärenerprobte Oligarch hat gar kein Problem, die übernächste EM in der Erdogan-Autokratie ausspielen zu lassen. 

Wie aber verhält sich das Triumvirat osteuropäischer Ex-Fußballer, die speziell auch Grindel zu umgarnen versuchte, die aber auch türkischen Avancen bestimmt nicht abgeneigt sind: die polnische Ikone Zbigniew Boniek, der kroatische Torjäger Davor Suker und der bulgarische Keeper Borislaw Michajlow, die jeweils ihre Heimatverbände leiten.

Selbst deren süd- und mitteleuropäische Kollegen sind schwer einzuschätzen: Wo ist der spanische Banker Juan Luis Larrera Sarobe zu verorten? Wie verhält sich die frühere französische Fechterin Florence Hardouin, die 2016 als erste und einzige Frau ins Exekutivkomitee gewählt wurde? Es bleiben Ungereimtheiten und Unsicherheiten – dazu gehört auch, dass auf einmal die Möglichkeit der Enthaltung besteht. Der portugiesische Verbandspräsident Fernando Gomes hat zu erkennen gegeben, dass der „Fußball zur Beachtung der Menschenrechte beitragen“ soll. Ein deutscher Befürworter. Auch auf die Stimme des Briten Ivan Gazidis, der die  Klubvereinigung ECA repräsentiert, kann der DFB offenbar bauen. Unklar ist, ob der zweite ECA-Vertreter, Andrea Agnelli, als Vorsitzender von Juventus Turin abstimmen darf, der sich ohnehin als Unternehmer im Interessenskonflikt bewegt. Sollten es nur 16 Wahlberechtigte sein, würde beim Patt der Boss Ceferin das letzte Wort haben.

Der Jurist hat noch einmal ausdrücklich seine Vorliebe priorisiert: mit dem Turnier wolle man „so viel wie möglich verdienen“. Der monetäre Aspekt ist in der Tat für die Uefa nicht zu verachten, auch wenn deren Funktionäre nicht annähernd als so korrumpierbar gelten wie deren Kollegen bei Fifa und IOC. Die Uefa hatte in ihren Anforderungskatalog eine Steuerbefreiung geschrieben, die die deutschen Behörden – im Gegensatz zum türkischen Ausrichter, der per Staatsgarantie gleich Steuerfreiheit und mietfreie Stadien verspricht – nicht gewähren wollen. Entsprechend würde auf etwaige Gewinne eine Körperschaftssteuer von 15 Prozent fällig. 

Dass ein allzu großer wirtschaftlicher Nachteil zum Mitbewerber entsteht, negiert der DFB; und verweist darauf, dass ja mindestens 300.000 Tickets mehr und die Partnerrechte teurer verkauft werden können. Mag sein. Aber der größte deutsche Vorteil dürfte hier sein, dass die türkische Lira extrem an Wert verloren hat. Überschätzt werde, sagen Eingeweihte, die politische Großwetterlage, von denen viele Sportfunktionäre ihr Metier ohnehin gerne abkoppeln wollen, um die Blase aufzupumpen, in der sie sich dann so gerne selbstgefällig bewegen – und ihre eigenen, geheimen Entscheidungen treffen.

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