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Ungebetener Besuch in der Bibliothek

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Von: Jan Christian Müller

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Im Visier der Staatsanwaltschaft Frankfurt: Die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes
Im Visier der Staatsanwaltschaft Frankfurt: Die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes © dpa

Staatsanwaltschaft ermittelt beim Deutschen Fußball-Bund wegen eines mutmaßlichen Scheinvertrags mit einer Kommunikationsagentur über 360 000 Euro.

Die sonst so freundlichen Damen am Empfang des Deutschen Fußball-Bundes sind diesmal nicht so nett wie sonst. „Bitte verlassen Sie umgehend das Gebäude.“ Die Nerven liegen blank. Der FR-Reporter ist an diesem sonnigen Morgen in der Frankfurter DFB-Zentrale nicht gern gesehen. Er erhascht noch einen Blick nach oben in die Bibliothek. Ermittler der Frankfurter Staatsanwaltschaft sitzen dort im ersten Stock mit DFB-Leuten. Es gibt also noch unwillkommeneren Besuch in der Otto-Fleck-Schneise 6, wo der DFB nicht mehr lange residieren wird. Die Angestellten wurden vergangene Woche aufgefordert, ihre Büros zu räumen. Der Umzug in die neue Heimat auf der alten Galopprennbahn steht bald an.

Donnerstag, der 3. März 2022, ist wieder einer dieser Überraschungstage für das nach Wirecard derzeit wahrscheinlich am schlechtesten beleumundete Unternehmen im Land. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen ist nicht das erste Mal auf Trab. Im Oktober 2020 gab es eine Steuer-Razzia beim DFB und bei mehreren Funktionären. Im November 2021 wurden Unterlagen bei DFB-Partner Adidas eingezogen. Diesmal sind 70 Beamt:innen auch des Bundeskriminalamts in fünf Bundesländern an den Durchsuchungen beteiligt.

Uwe Hess ist einsam wütend

Am Eingang zur Otto-Fleck-Schneise, rund 150 Meter vom Einsatzort der Ermittlungen entfernt, steht Uwe Hess mit einer 2000-Watt-Anlage und demonstriert gegen den DFB. Der Mann aus dem Spessart ist wütend. Er hätte seine Boxen lieber direkt vor der DFB-Zentrale aufgestellt. Aber das erlaubte ihm das Ordnungsamt nicht. Hess ist eigens aus dem Spessart mit einem VW-Bus angereist, er fühlt sich durch das Erscheinen der Staatsanwaltschaft bestätigt. Aber er muss auch einsehen, dass er mit seiner „Initiative Neuanfang“ gegen den „Machtmissbrauch im DFB“ alleine dasteht. Irgendwann packt er seine Sachen. Morgen will er wiederkommen und laut protestieren.

Beim notorisch unruhigen DFB halten sie es für keinen Zufall, dass die Kriminalbeamten eine Woche vor der am nächsten Freitag stattfindenden Neuwahl zum Präsidium auftauchen. Es geht um einen ominösen Vertrag, laut DFB-Prüfungsausschuss geschlossen mit der Diekmann Kommunikation GmbH. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sind 360 000 Euro aus der Verbandskasse an die Kommunikationsagentur geflossen, ohne dass entsprechende Gegenleistungen erfolgten. Die Ermittler vermuten einen „bloßen Scheinvertrag“ und hegen „Verdacht der Untreue“.

Reinhard Grindel vermutet Komplott

In den Medien wird schon lange kritisch über den sogenannten „Diekmann-Vertrag“ berichtet, der jetzt Gegenstand der Ermittlungen geworden ist. Ex-Präsident Reinhard Grindel vermutet, dass der Spin Doctor Kurt Diekmann an seinem Sturz im April 2019 beteiligt gewesen sein könnte. Grindel verdächtig dahinter vor allem seinen ehemaligen Vize Rainer Koch, der das als eine bösartige Legende bezeichnet. Nicht dementiert wird, dass der DFB im Oktober 2019 in Dortmund einen auf Anfang Mai rückdatierten Vertrag mit der Diekmann-Seite unterschrieb. Interessant, dass Diekmann offenbar nicht nur für den DFB tätig war, sondern auch für de „Spiegel“. Die „SZ“ fragt sich, ob der 75-Jährige als eine Art Doppelagent für Magazin und Verband tätig gewesen ist. Ihr liegt eine Nachricht von Diekmann aus dem Oktober 2018 an den „Spiegel“ vor, in der dieser schreibt, „die P-Demontage ist eingeleitet“. Im März 2019 lädt er nach, „die Munitionskammer des Grinch“ sei getroffen. Kurz darauf tritt Grinch Grindel als Präsident zurück. Dass er schon anderthalb Jahre zuvor zum 56. Geburtstag eine teure Uhr von einem ukrainischen Oligarchen angenommen hatte, war Anfang April 2019 zuerst dem „Spiegel“ bekanntgeworden.

DFB-Vize Koch, Schatzmeister Stephan Osnabrügge und Ex-Generalsekretär Friedrich Curtius argumentierten sinngemäß, Diekmann sei vordringlich dafür berufen worden, um im Jahr 2020 bei der vorzeitigen Beendigung eines millionenschweren Vertrags mit Vermarkter Infront bei den Medien gut Wetter für den DFB zu machen. Für einen mickrigen Einsatz von nur 360 000 Euro (an Diekmann) habe der DFB satte 18 Millionen Euro beim Ausstieg aus dem Infront-Kontrakt erlöst. Diese Darstellung steht in großem Zweifel.

DFB-Prüfer Ulrich Ruf hat genug

Die Fahndungen sind in diesen Tagen wohl durch den just veröffentlichten Bericht des DFB-Prüfungsausschusses, der der FR vorliegt, in Schwung gekommen. Dessen Vorsitzender Ulrich Ruf, ehemaliger Finanzchef des VfB Stuttgart, tritt beim Bundestag am 11. März in Bonn nicht zur Wiederwahl an. Grund, so der 66-Jährige: Die „bedenklichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der ,Causa ,Diekmann´“.

Der Prüfungsausschuss zweifelte die Ordnungsmäßigkeit des 360 000-Euro-Kontrakts mit Diekmann an und recherchierte. Den Auftrag dazu hatte er vom DFB-Präsidium bekommen. Zur Überprüfung zog der Ausschuss die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ebner Stolz hinzu. DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge habe, so Ruf, bald darauf mitgeteilt, „die Mitglieder des Prüfungsausschusses persönlich dafür verantwortlich zu machen, wenn der Zwischenbericht negative Folgen für ihn haben werde“. Offenbar eingeschüchtert schaltete Rufs Ausschuss „zur Abwehr von etwaigen Schadensersatzansprüchen“ die Kanzlei Raue ein. Die „Übernahme der Kosten für die Mandatierung der Kanzlei“ sei vom DFB „lange Zeit abgelehnt worden“, heißt es in Rufs Bericht, der zu dem Schluss kommt: „Wenn ein DFB-Ausschuss vom DFB-Präsidium beauftragt wird, einen bestimmten Sachverhalt zu prüfen, ihm daraufhin persönliche und rechtliche Konsequenzen angedroht werden, er selbst für die erforderliche rechtliche Vertretung seiner Interessen eine Anwaltskanzlei beauftragen muss und die Kostenübernahme durch den DFB monatelang verweigert wird, dann ist das auch für jahrzehntelang in der Führung von Verbänden und Vereinen erfahrene Menschen ein beispielloser Vorgang.“ Konkrete Details des „Diekmann-Komplexes“ nennt Ruf in seinem Bericht aufgrund der „äußerst sensiblen rechtlichen Gesamtsituation“ nicht öffentlich. Dem DFB liegt der Schlussbericht seit 23. August 2021 vor, und sicherlich nun auch den Ermittlungsbehörden.

Verfahren gegen Rainer Koch eingestellt

Der DFB teilte zum ungebetenen Besuch lediglich mit: „Das Verfahren richtet sich gegen einen ehemaligen Mitarbeiter des DFB sowie Dritte. Weder der DFB selbst noch aktuell beim DFB in der Verantwortung stehende Personen stehen unter Verdacht.“ Im Verfahren wegen schwerer Steuerhinterziehung aus dem Oktober 2020 sind Ermittlungen gegen die Ex-Funktionäre Reinhard Rauball und Helmut Sandrock sowie Interimschef Koch zwischenzeitlich eingestellt worden.

Protestiert: Uwe Hess aus dem Spessart.
Protestiert: Uwe Hess aus dem Spessart. © FR

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