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Die Ungarn bejubeln den Sieg.

Ungarn-Österreich

Ungarn blamiert Österreich

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Mit einer 0:2 -Niederlage im Nachbarschaftsduell gegen Ungarn startet Österreich albtraumhaft in die EM.

Vielleicht war es ganz gut, dass sich die österreichischen Akteure hinterher nicht unter die Landsleute mischen mussten, die fluchtartig die weißen Steintreppen des Stade Matmut Atlantique in Bordeaux verließen. Die einen fluchend, die anderen zeternd. Und kübelweise mischte sich beim Abgang bereits Hohn und Spott über das Versagen. Mit einer 0:2 (0:0)-Niederlage im Nachbarschaftsduell gegen Ungarn hat die Alpenrepublik einen Albtraumstart in diese EM erwischt, der in der Heimat als Tiefpunkt der vergangenen der jüngeren Vergangenheit gelten muss. Sind damit doch all die hohen Erwartungen für diese EM-Mission konterkariert.

„Wir sind alle sehr enttäuscht, es war sehr ruhig bei uns in der Kabine, wir müssen das erstmal verarbeiten“, beschied der sichtlich geknickte Marcel Koller, „aber dafür haben wir nicht unendlich Zeit.“ Dem Teamchef war es ein Rätsel, warum „wir nie unser Kombinationsspiel aufziehen konnten.“ Die Mängelliste des Schweizers war lang. „Wir waren grundsätzlich zu nervös, wir hatten zu viele unnötige Ballverluste.“ Der 55-Jährige wirkte sichtlich niedergeschlagen – und war damit nicht allein. Marko Arnautovic schlug nach Abpfiff die Hände vors Gesicht, Christian Fuchs ging in die Knie, Julian Baumgartlinger blickte ins Leere. Nach der überbordenden Begeisterung im Vorfeld muss Austria nun die Wunden lecken.

Die Magyaren hingegen konnten ihr Glück kaum fassen und feierten hinterher zuerst ihre Deutschland-Legionäre: Ausgerechnet Adam Szalai, der beim Bundesliga-Absteiger Hannover 96 in der zweiten Saisonhälfte kein Bein auf den Boden bekam, gelang das erste Tor (62.). Das zweite besorgte kurz vor Schluss der eingewechselte Zoltan Stieber vom 1. FC Nürnberg (87.). Und auch ein Dritter im Bunde durfte nach starker Vorstellung stolz sein: Die formidable Vorarbeit zum Führungstreffer kam mit einem sehenswerten Außenristpass von Laszlo Kleinheisler, der beim SV Werder Bremen in der Rückrunde so wenig Spielpraxis erhielt. Der 22-Jährige wurde – vom von der Uefa beauftragten Ex-Bremer Angelos Charisteas – sogar zum „Man of the match“ gekürt. „Ich möchte nicht über mich sprechen, aber es war ein besonderes Erlebnis für uns alle“, sagte der kampf- und spielstarke Rotschopf fast verschüchtert auf der Pressekonferenz.

Storck: „Das ist grandios“

Ungarns Nationaltrainer Bernd Storck lobte nicht nur Fleißarbeiter Kleinheisler („Er ist ein Riesentalent und wird so oder so seinen Weg in der Bundesliga machen“), sondern sein Ensemble: „Die Jungs sind über sich hinausgewachsen. Für uns ist nach 44 Jahren ein Traum in Erfüllung gegangen. Das ist einfach grandios.“ Für den 53-Jährige konnte die Sensation auch als persönliche Reifeprüfung gelten: All seine taktischen Kniffe, etwa das österreichische Mittelfelddreieck mit David Alaba (der Pech mit einem Pfostenschuss nach einer Minute hatte), Zlatko Junuzovic und Julian Baumgartlinger aus dem Spiel zu nehmen, waren aufgegangen.

Den Ungarn könnte am Samstag schon ein Punkt reichen, wenn es in Marseille gegen Island geht, um das Achtelfinalticket zu lösen. Zu den stillen Genießern zählte zudem ihr Torwart Gabor Kiraly. Das ungarische Urgestein unter Latte löste mit seinem Einsatz gegen Österreich im Alter von 40 Jahren und 74 Tagen den deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (39 Jahre und 91 Tage) als ältesten Spieler der EM-Geschichte ab und zeigte eine Leistung, die an seiner Klasse keine Zweifel zuließ. „Für mich ist er immer noch einer der besten Torleute, die es international gibt“, sagte Storck.

Katzenjammer herrscht hingegen beim Nachbarn, der eigentlich „mehr als dreimal die Bundeshymne hören wollte“, wie Österreichs Verbandspräsident Leo Windtner vollmundig angekündigt hatte. Für die zweite Begegnung am Samstag in Paris gegen Portugal hat sich die ÖFB-Auswahl gehörig unter Druck gesetzt. „Wir müssen da punkten, am besten dreifach“, erklärte Koller. Zu allem Überfluss sah sein Abwehrmann Aleksandar Dragovic auch noch die Gelb-Rote Karte (66.), als er mit gestrecktem Bein zu Werke ging – und damit einen Treffer von Martin Hinteregger verhinderte (66.). Bangen muss die Austria auch um ihren Antreiber Junuzovic, der nach einer Stunde ausgewechselt wurde.

Bereits nach einer Viertelstunde war der Werder-Profi böse mit dem Knöchel umgeknickt. „Er hat starke Schmerzen und ist nicht gerade happy“, erklärte Koller. Für beinahe 15 000 österreichische Anhänger, die in die einstige Hochburg der Bourgeoisie geströmt waren, galt hinterher dasselbe.

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