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Gegen Italien war sie die "Spielerin des Spiels": Linda Dallmann.

Fußball-EM 2017

"Und dann hatte Oma keinen Rasen mehr"

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Nationalspielerin Linda Dallmann über den Beschützerinstinkt von vier Brüdern und die fußballerische Ausbildung durch ihre Schwestern.

Frau Dallmann, Sie sind mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Da war es vermutlich meist turbulent.
Ja, da war ordentlich was los. In jedem Urlaub ist irgendetwas passiert. Der eine hatte eine Platzwunde, der nächste hatte das. Aber ich bin sehr dankbar für meine Kindheit; was ich da alles erleben durfte. Das prägt einen enorm. Und das Beste ist, dass ich zu meinen Zwillingsschwestern und vier Brüdern noch allerbesten Kontakt habe.
 
Hatten Sie zu Hause ein eigenes Zimmer?
Ich hatte Glück. Alle anderen mussten sich ein Zimmer teilen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich zu dieser Ehre kam.
 
Sagen Sie etwas zu ihren Brüdern Max, Florian, Nick und Jan!
Als Mädchen konnte man immer angeben, wenn man vier Brüder hatte. Da hat kein anderer Junge sich mit einem angelegt. Ich weiß noch, wie mich einer geärgert hat, und ich alle Brüder geholt habe – der ist sofort gegangen. Ich konnte deswegen als Mädchen eine größere Klappe haben, das war schon cool. Deswegen hat auch keiner gewagt, mich wegen meiner Größe aufzuziehen.
 
Wären Sie ohne die Geschwister eine so gute Fußballerin geworden?
Auf keinen Fall. Alleine wäre meine Entwicklung so nicht möglich gewesen. Meine Zwillingsschwestern haben mir vor allem das Fußballerische beigebracht, meine Brüder das Athletische. Wir haben miteinander oder gegeneinander gespielt. Uns ist immer etwas eingefallen. Alle hatten einfach jeden Tag Bock, Fußball zu spielen. Wir haben oft auf die Hecke unserer Mama gespielt, die davon nicht begeistert war. Dann sind wir zur Oma in den Garten, die bald keinen Rasen mehr hatte (lacht).

Wer war denn bei der Frauen-EM aus der Familie schon zum Zuschauen?
Meine Eltern waren eine Woche zu den ersten beiden Gruppenspielen da und hatten sich für eine Woche ein Haus gemietet. Gegen Russland waren zwei Brüder und meine Schwestern da. Jetzt gegen Dänemark wurde es schwierig, weil es im Internet keine Karten mehr gab. Aber über unseren Verband kommen wir ja an Karten, und ich konnte meinen aufgeregten Vater beruhigen, dass er zum Viertelfinale kommen kann.
 
Sie haben auf der ersten Pressekonferenz gesagt, Sie hätten sich gar nicht getraut, Dzsenifer Marozsan anzusprechen. Reden Sie jetzt miteinander?
Natürlich. Sie ist nicht der Typ, der einem ständig das Ohr vollquatscht. Beim Fifa-Computerspiel haben wir schon einige Partien bestritten. Am liebsten kommuniziere ich mit Maro auf dem Platz, wenn der Ball im Spiel ist. Da verstehen wir uns am besten. 
 
Sie haben gerade sechs Länderspiele. Was erstaunt Sie bei solch einem Turnier am meisten?
Die ganze Atmosphäre. Ich staune immer, wie viele Menschen schon am Stadion warten, wenn wir mit dem Mannschaftsbus dort hinfahren. 

Spüren Sie die Aufmerksamkeit auch, dass Ihnen auf einmal sechs, sieben Millionen am Fernsehschirm zusehen?
Es kommen viele Leute auf einen zu. Nach dem Italien-Spiel hatte ich ganz viele Nachrichten von lieben Menschen, die ich gar nicht kannte. Ich habe dann versucht, am nächsten Tag allen zu antworten.
 
Sie waren gegen Italien die „Spielerin des Spiels“ – dann saßen Sie gegen Russland 90 Minuten draußen. Hat Ihnen die Bundestrainerin das erklärt?
Nein, aber das braucht sie auch nicht. Ich bin neu in der Mannschaft, und es gibt viele Spielerinnen, die das Potenzial haben zu spielen – das ist ja unsere Philosophie hier. Ich hoffe natürlich, dass ich wieder meine Chance bekomme. 
 
Es geht heute im Viertelfinale gegen Dänemark auch darum, überhaupt in die Prämienränge zu kommen. Was würden Sie mit 37.500 Euro Titelprämie tun?
Da ich jemand bin, der Geld dann für irgendeinen Mist ausgibt, packe ich es am besten gleich weg. Aber ehrlich: Da mache ich mir keine Gedanken.

Es ist vermutlich mehr als ihr ganzes Jahresgehalt bei der SGS Essen. Können Sie vom Fußball leben?
(überlegt lange). Momentan mache ich es eigentlich, weil ich ja noch Sportwissenschaften studiere. Man kann sich nicht so viel nebenbei leisten und auch erstmal nichts zurücklegen.
 
Lernen Sie während der EM in der freien Zeit für ihr Studium?
Eigentlich wären jetzt Klausuren, und ich wollte auch Stoff hier nachholen, aber ich habe gemerkt: Das wird nichts. Man ist von den Gedanken nicht frei und bekommt nichts in den Kopf rein. 
 
Was planen Sie für die Zeit nach der Karriere?
Ich könnte mir vorstellen, in die Trainingswissenschaften, Leistungsdiagnostik oder in den Athletikbereich zu gehen. Mal schauen. Ich könnte mir auch vorstellen, den Trainerschein zu machen.
 
Gutes Stichwort: Wie nehmen Sie denn die Bundestrainerin hier wahr?
Dass sie etwas sehr Persönliches, Offenes, Vertrautes, Herzliches an die Spielerinnen weitergibt – so als ob sie eine von uns ist. Fußballerisch bewundere ich sie dafür, dass sie wirklich ihr Konzept durchbringt. Sie hat eine Vorstellung von dem, was sie will. Ob das nun das System oder die Wechsel sind. Ich bewundere, wie sie alles durchzieht – und nicht das macht, was andere sehen wollen.

 
Wenn kritisiert wird, dass zu viel Harmonie herrscht, entgegnen Sie ...
... dass unsere Trainerin halt sehr positiv ist, es gibt keinen Grund zu schlechter Stimmung. Ich sehe es eher als unseren Vorteil. Man muss doch sehen, dass alle Gegner sich gegen uns sehr defensiv verhalten haben, und wir Probleme hatten, unser Spiel durchzubringen. In den K.o.-Spielen haben wir vielleicht mehr Raum.
 
Bei dieser EM demonstrierten Nationen wie England ihre großen Fortschritte, die darauf zurückgehen, dass auch die nationalen Ligen teils erstaunliche Entwicklung durchlaufen. Würde Sie das Ausland reizen?
Ich finde auf jeden Fall die englische Liga interessant. Die Entwicklung ist enorm und die Bedingungen bei einigen Vereinen phänomenal. Das würde mich auf jeden Fall interessieren. Aber ich habe ja noch einen Vertrag in Essen, den ich auch erfülle. 
 
Interview: Frank Hellmann

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