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Römischer Gruß: Rechte Fans sind bei Lazio zuhauf.

Serie A

Unbelehrbare Unbeugsame

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Italienische Stadien sind voller Rechter. Die Lazio-Ultras sind nur die Speerspitze.

Für Lazio Rom läuft es in der Serie A derzeit glänzend. Am Sonntagmittag fuhr der italienische Hauptstadtklub beim abgeschlagenen Tabellenletzten Benevento einen ungefährdetes 5:1 ein. Es war der neunte Sieg im elften Spiel. Alles bestens also bei den le Aquile - den Adlern? Ganz gewiss nicht. Nach den antisemitischen Ausfällen seiner Fans, steht der Klub einmal mehr im Kreuzfeuer der Kritik.

Es war zwar einer der übelsten, aber beileibe nicht der erste Skandal dieser Art, als Lazio-Ultras am vorvergangenen Wochenende im Olympiastadion von Rom antisemitische Slogans und Aufkleber anbrachten, die unter anderem das von den Nazis ermordete jüdische Mädchen Anne Frank im Trikot des Rivalen AS Rom zeigten. Lazio ist seit Jahrzehnten der Verein der Rechten in Italiens Hauptstadt und berüchtigt für seine Hooligan-Gruppe der „Irriducibili“, der Unbeugsamen, wie sie sich nennen. Und das ist kein Einzelfall.

Italiens Stadien seien „Laboratorien der extremen faschistischen und rassistischen Rechten, die den Fußball mit politischem Hass vermischen“, schreibt die römische Zeitung „La Repubblica“. Seit Jahrzehnten geht das so. Die rechten Ultras zeigen den römischen Gruß, verherrlichen das Dritte Reich und verhöhnen schwarze Spieler mit Affenlauten. Die Irreducibili sorgten schon vor fast zwanzig Jahren für Skandale, als sie die gegnerischen Fans mit riesigen Spruchbändern grüßten, auf denen „Judenfans“ zu lesen war oder „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen euer Zuhause“. Seither müssen Transparente vorher geprüft und genehmigt werden.

Laut Bericht der nationalen Beobachtungsstelle für Sportveranstaltungen wurden zuletzt 400 Ultra-Gruppen in ganz Italien gezählt, mit mehr als 40 000 Anhängern. 151 davon sind politisch ausgerichtet, davon 85 rechts, davon wiederum mehr als die Hälfte rechtsextrem. Rund 8 000 rechte Ultras gibt es, vor allem in Mittel- und Norditalien, bei Vereinen wie Inter Mailand, Hellas Verona, Brescia, Ascoli und Lazio Rom. Alle Gruppen pflegten enge Verbindungen zueinander und machten Stimmung gegen Flüchtlinge und Zuwanderung, heißt es im Bericht.

Strafen zu lax

Die Sonderermittler der italienischen Terror- und Extremismus-Bekämpfung haben die Szene seit Jahren im Visier. Die meisten ihrer Anführer sind führende Köpfe militanter neofaschistischer Organisationen wie Casa Pound, Forza Nuova, Veneto Fronte Skinhead. Der Sprecher der Ultras von Hellas Verona etwa ist Chef von Forza Nuova Norditalien und gehört zur Bewegung „Verona den Veronesen“. Seine Leute grölen Chöre wie: Siamo una squadra fantastica, fatta a forma di svastica“ – „wir sind eine fantastische Mannschaft, gemacht in Form des Hakenkreuzes“.

Für rassistische Slogans und Symbole können Geldstrafen und Stadionverbote verhängt werden. Der Lazio-Spieler Paolo di Canio etwa musste 10 000 Euro zahlen, nachdem er 2005 im Stadion den Arm zum „römischen Gruß“ der italienischen Faschisten erhoben hatte. Harte Strafen aber werden nicht verhängt, Italiens Justiz hält sich zurück, auch aufgrund der Gesetzeslage. So sorgte 2015 ein Freispruch für Verona-Ultras für Empörung, die ebenfalls im Stadion den faschistischen Gruß gezeigt hatten. Laut Gesetz müsse damit die Absicht verbunden sein, die faschistische Partei neu zu gründen, argumentierte der Richter, und das sei bei einer Sportveranstaltung nicht gegeben. Erst vor kurzem hat das Parlament gegen die Stimmen des Mitte-Rechts-Lagers eine Verschärfung beschlossen, mit der neofaschistische Propaganda und die Verbreitung von Nazi- und Mussolini-Devotionalien künftig bestraft werden sollen.

„Es wurde viel zu viel Nachsicht geübt“, sagt Carlo Smuraglia, Vorsitzender des italienischen Partisanenverbands Anpi. Man habe das Phänomen kleingeredet, auch die Vereine seien allzu oft stumm geblieben. Das bestätigt der Sportsoziologe Maurizio Marinelli vom Studienzentrum der Polizei. Ihm zufolge sind die Verbindungen der extremistischen Fans zu den Vereinsspitzen ein großes Problem. „Die tun so, als wäre nichts. Und unterstützen die Ultras in vielen Fällen sogar.“

Inzwischen sind nach den Vorfällen im Olympiastadion 20 Verdächtige ermittelt, darunter drei Minderjährige. 13 von ihnen droht Anklage wegen Anstiftung zum Rassenhass. (mit tim)

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