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Machte einen guten Eindruck beim Auftakt: Kameruns Keeper Joseph Ondoa.

Kamerun

Unbekannte Löwen

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Kamerun setzt beim Confed-Cup auf Teamgeist und nicht auf große Stars - ganz anders als früher.

Dass Hugo Broos den älteren Herrn nicht erkannte, der ihn im Teamhotel in Moskau ansprach, war verständlich. Schließlich verbindet alle Welt die Mannschaft aus Kamerun, die bei der WM 1990 ins Viertelfinale gelangte und zum globalen Publikumsliebling avancierte, mit Stürmer Roger Milla und nicht mit dem damaligen Trainer Waleri Nepomnjaschtschi. Als der aktuelle Coach der Unzähmbaren Löwen jedoch erfuhr, wer ihn da besuchte, fühlte er sich geehrt und lud den 73-jährigen Russen zum Frühstück ein.

Dass der Zauber von damals auch heute noch wirkt, zeigte sich beim 0:2 verlorenen Spiel der Kameruner gegen Chile, als die einheimischen Zuschauer im Moskauer Spartak-Stadion geschlossen die Afrikaner anfeuerten und dem erklecklichen chilenischen Kontingent trotzten. Dabei hatten Kameruns Spieler schon 1994 in den USA alles getan, um die gewonnenen Sympathien wieder zu verlieren, da waren sie ein zerstrittener Haufen, drohten mit Streik, spielten grauenhaft und verlangten von Journalisten für Auskünfte Geld. Danach ging es auf und ab mit dem Team, doch international konnten sie trotz großer Spieler wie Samuel Eto’o oder Rigobert Song nie wieder an 1990 anknüpfen.

Hugo Broos möchte das ändern, auch wenn es in der WM-Qualifikation für 2018 hinter Nigeria nicht gut aussieht. Aber der Belgier hat ein junges Team und setzt auf die Zukunft. Und er hofft darauf, dass er noch länger Trainer sein wird bei einem Verband, der zu Panikreaktionen neigt. Der sensationelle Gewinn der Afrika-Meisterschaft im Februar hat dem 65-Jährigen, der als relativ unbeschriebenes Blatt nach Kamerun kam, Kredit verschafft, aber ein respektabler Confederations Cup könnte nicht schaden. Dafür sollte heute Abend ein Sieg gegen Australien gelingen, für beide Teams ist es das Schlüsselspiel, das sie gewinnen müssen, um gegen die beiden Gruppenfavoriten Deutschland und Chile eine Minichance auf den Halbfinaleinzug zu haben.

Broos war enttäuscht über die Niederlage gegen Chile, aber angetan vom Spiel seiner Mannschaft, die nach schwacher Anfangsphase, in der sie komplett überrannt wurde, ein gleichwertiger Gegner war und erst durch späte Tore unterlag. „Ich denke, wir haben gut gespielt“, sagte Broos, „bei den Toren waren wir nicht aufmerksam, aber es ist ein junges Team und muss noch reifer werden.“

Anders als früher fehlt dem aktuellen Kader jegliche Starpower, der Kapitän Benjamin Moukandji etwa spielt beim FC Lorient. Hugo Broos setzt dafür auf Teamgeist, „anders haben wir keine Chance gegen individuell bessere Gegner“. Die Methode bewährte sich beim Afrika-Cup in Gabun, wo favorisierte Kontrahenten in Reihe geschlagen wurden, zuletzt im Finale Ägypten. „Da sind wir alle Freunde geworden, wir sind wie eine Familie“, sagt Moukandji.

Der renommierteste Spieler wäre wohl Joel Matip vom FC Liverpool, doch der ehemalige Schalker dürfte sich aus dem Familienverbund verabschiedet haben, als er wie viele andere Stammkräfte für den Afrika-Cup absagte. Broos hat zwar einige der Abtrünnigen begnadigt, aber nur, wenn sie glaubhaft ihre künftige Verfügbarkeit versprachen. Nun sind die prominentesten Figuren der Angreifer Vincent Aboubakar, der Besiktas Istanbul mit zwölf Treffern zur Meisterschaft verhalf, dazu Christian Bassogog, beim Afrika-Cup zum besten Spieler gewählt, der in Henan in China spielt. Und Torhüter André Onana, der mit Ajax Amsterdam im verlorenen Europa-League-Finale gegen Manchester United stand.

Kurioserweise ist der 21-Jährige bei Kamerun nicht die Nummer eins, was daran liegt, dass auch er Broos im Februar einen Korb gab, weil er seinen Stammplatz bei Ajax nicht gefährden wollte. Sein gleichaltriger Vertreter und Cousin Fabrice Ondoa hielt fantastisch in Gabun, wurde zum besten Keeper gewählt und ist auch jetzt erste Wahl, obwohl er kaum Ligaspiele bestritten hat. Ondoa, der wie Onana von der Samuel Eto’o-Stiftung gefördert und in der Jugendakademie des FC Barcelona La Masia ausgebildet wurde, steht beim FC Sevilla unter Vertrag, wurde aber zur zweiten Mannschaft Sevilla Atlético delegiert, wo er auch nur Ersatz war.

Das hinderte Ondoa nicht an einer guten Leistung gegen Chile, wie sie sich Hugo Broos heute gegen Australien von seinem gesamten Team erhofft. „Wir müssen von der ersten Sekunde an auf unserem höchsten Niveau sein, um sie zu schlagen“, sagte er gestern, „und wir müssen sie schlagen.“

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