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Unbeherrschte Trainer: Furor in der Coachingzone

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Von: Jan Christian Müller

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Kassierte die erste Rote Karte eines Trainers: Thomas Reis, Bochumer Coach, muss auf die Tribüne und fehlte kommendes Wochenende gesperrt.
Kassierte die erste Rote Karte eines Trainers: Thomas Reis, Bochumer Coach, muss auf die Tribüne und fehlte kommendes Wochenende gesperrt. © dpa

Fußballtrainer wären als Führungskräfte besonders gefordert, den Spielern Zurückhaltung vorzuleben, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Das gelingt nicht immer. Ein Kommentar.

Die Unkultur des Nörgelns und Meckerns, Schindens und Schimpfens im Fußball nervt. Es gibt kein vergleichbar respektloses Verhalten in den allermeisten anderen Sportarten im Umgang mit Unparteiischen. Nirgendwo sonst ist die Hemmschwelle so niedrig wie im Fußball, selbst dann ein maximales Erregungspotential zu präsentieren, wenn es sich im Grunde um eine Bagatellentscheidung gehandelt hat.

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Die Trainer wären als hochbezahlte Führungskräfte eigentlich besonders gefordert, ihren Spielern Zurückhaltung auch dann vorzuleben, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Leider werden ausgewählte Exemplare dieser Spezies diesem Anspruch oft nur in Spurenelementen gerecht und präsentieren stattdessen einen erstaunlichen Mangel an Frustrationstoleranz.

Der Mainzer Chefcoach Bo Svensson echauffierte sich in der Nachspielzeit einer abgrundschlechten ersten Halbzeit wegen eines profanen Ausballes, indem er aggressiv gestikulierend aus seiner Coachingzone in Richtung Schiedsrichterassistent lief und sodann verwundert dreinschaute, als er als logische Konsequenz seine bereits sechste Verwarnung der Saison erhalten hatte. Ein gutes Vorbild lernt aus seinen Fehlern und verhält sich anders.

Der Bochumer Thomas Reis sah beim Spiel in Freiburg sogar die erste Rote Karte für einen Bundesligatrainer, die automatisch eine Sperre nach sich zieht. Der Trainer erklärte hinterher, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Er habe mit seinem „Scheibenwischer“ nicht den Vierten Offiziellen gemeint, sondern seinen eigenen, gerade wegen eines schweren Foulspiels des Feldes verwiesenen Verteidiger Konstantinos Stafylidis. Bei allem Respekt vor der nicht hoch genug zu bewertenden Trainerarbeit von Thomas Reis in dieser Saison: Man darf sich durchaus fragen, ob es als angemessen erscheint, dass ein Bundesliga-Chefcoach selbst eine komplett überflüssige Aktion wie die von Stafylidis mit einem „Scheibenwischer“ in dessen Richtung interpretiert. Sollte man als Vorgesetzter besser lassen.

In Darmstadt kriegte sich Trainer Torsten Lieberknecht in seinem Furor gegen den Schiedsrichter gar nicht wieder ein, nachdem er sich über eine klassische 50:50-Entscheidung gegen seine Mannschaft beschwerte, die zu einem Gegentor geführt hatte. Lieberknecht sah Gelb und fehlt nach der bereits vierten Verwarnung dieser Saison nun beim wichtigen Auswärtsspiel beim FC St. Pauli am Spielfeldrand.

Dass er die harte Zweikampfsituation im Mittelfeld anders bewertet hatte als der Referee, liegt in der Natur der Sache. Aber das Rumpelstilzchen-Gewese hat Lieberknecht schon in seiner Vergangenheit als ansonsten sehr guter Trainer von Eintracht Braunschweig regelmäßig Tribünenverweise eingebracht (die er natürlich überwiegend als vollkommen unberechtigt empfand). Man fragt sich da schon: Was denken die Fußballlehrer in der Videoanalyse über sich selbst, wenn sie später die Bilder sehen - ihre Gesichter zu Wut-Grimassen verzerrt?

Es ist höchste Zeit für den einen oder anderen, seine Eigenwahrnehmung zu schärfen. Und zwar in erster Linie selbstkritisch,

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