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Nicht zu bremsen: Bayer-Stürmer Leon Bailey (vorne) schießt die Bayern ab, hier gegen Serge Gnabry. afp

FC Bayern München

Unbeeindruckt vom Bayer-Dusel

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Bei Bayerns erster Niederlage unter Flick zeigt Leverkusen, wie den Münchnern beizukommen ist – nachhaltig irritiert ist beim Meister wegen des Chancenwuchers aber niemand.

Bis nach Südtirol und an Nordrhein-Westfalens Landesgrenze zu Niedersachsen waren die Bayern am Sonntag ausgeschwärmt. Die traditionellen Fanklub-Besuche standen an, die in der Vergangenheit besonders für Uli Hoeneß zu den liebsten Terminen des Jahres zählten. Diesmal aber, nach seinem jüngsten Rückzug, verzichtete Hoeneß, weshalb der neue Präsident Herbert Hainer bei den Preußen in Ostbevern nahe Münster vorstellig wurde. Wie die anderen Münchner bei den Poppenberger Buam, Mindeltaler Wikingern und weiteren Fanklubs hatte er die 1:2 (1:2)-Niederlage gegen Bayer Leverkusen mitgebracht. Doch wirklich Trost spenden mussten auch die Bayern Bazis Romantische Straße aus Feuchtwangen dem neuen Trainer Hansi Flick nicht, trotz dessen ersten Gegentoren und vor allem erster Niederlage nach seinen vier Startsiegen mit 16:0-Toren. Zumal Karl-Heinz Rummenigge am Sonntag unverändert schwärmerisch über das Wirken des 54-Jährigen sprach.

„Wir haben mit ihm und in ihm einen Trainer, der gut zur Mannschaft passt“, sagte der Vorstandschef, „das Wichtigste ist die Spielqualität und der Matchplan, und die stimmen bei Hansi Flick. Deshalb ist bei mir auch nach dem gestrigen Spiel keine Veränderung in der Bewertung festzustellen. Wir sind mit seinem Job, so wie er ihn interpretiert, sehr zufrieden.“ Im Winter werde man sich zusammensetzen und womöglich bis zum Sommer mit Flick als Trainer weiterarbeiten. Das darf als wahrscheinlich angenommen werden. Zumal Rummenigge nicht einmal ausschloss, sogar über den Sommer hinaus die aktuelle Konstellation beizubehalten. „Das werden wir besprechen, in aller Ruhe“, sagte er, wenngleich ausweichend, da eigentlich eine große Trainer-Lösung angedacht ist.

Ein kleiner Dämpfer des jüngsten Hansi-Hypes war das 1:2 zwar gewesen. Aber es war ein Dämpfer, den die Münchner überwiegend als Bestärkung werten konnten. Aus annähernd 75 Prozent Ballbesitz waren am Samstag so viele Chancen entsprungen, dass es fürs Verlieren vieler unglücklicher Umstände aus Sicht des Meisters bedurfte. Dazu zählten drei Treffer des Torgestänges, zwei Rettungstaten der Bender-Zwillinge Lars und Sven im letzten Moment, zwei Abseitstore und zahlreiche Paraden eines überragenden Leverkusener Torwarts Lukas Hradecky, den nur Thomas Müller überwand (34.), als dieser eine Kontaktlinse verloren hatte. Doch nachdem der Finne in der Halbzeitpause eine Ersatzlinse eingesetzt hatte, rannten die Münchner wieder vergeblich an. Nach Jonathan Tahs Platzverweis wegen einer Notbremse (82.) sogar gegen zehn Leverkusener, denen die blitzsauberen Kontertore von Leon Bailey (10./35.) zum überraschenden Coup genügten.

Es passte zum Chancenwucher der Bayern, dass der zweifache Vorlagengeber Kevin Volland den Begriff „Bayer-Dusel“ einführte. „In der zweiten Halbzeit hatten wir natürlich Glück“, sagte der Stürmer zudem, was auch nötig gewesen sei gegen Flicks Münchner. „Die Bayern spielen hervorragenden Fußball. Sie sind drückend gewesen. Die Bayern sind eine überragende Mannschaft, auch wie sie heute gespielt haben“, sagte Sven Bender, „nur mit Glück kann man in München gewinnen.“ Oder wie es Müller nach seinem ersten Ligator seit März aus Sicht der Bayern formulierte: „Selbst wenn wir 4:2 oder 5:3 gewinnen, kann keiner sagen, dass das nicht verdient war.“

Ursache für die erste Niederlage in Flicks fünftem Spiel sei „eine extreme, vielleicht nie dagewesene Ineffizienz“ gewesen, befand Müller. Weshalb auch der Trainer beklagte, man sei „zu fahrlässig mit unseren Chancen“ umgegangen. Das führte sogar zum Ende von Müllers erstaunlicher Serie, die weitaus länger angehalten hatte als Flicks. Immer, wenn Müller in der Bundesliga getroffen hatte, waren die Bayern unbesiegt geblieben. Nun, im 88. Spiel mit einem Müller-Tor, war es doch so weit.

Für neue Grundsatzdebatten bestand aber wenig Anlass vier Wochen nach der Trennung von Flicks Vorgänger Niko Kovac und nach einer Begegnung, die in Sachen Torraumszenen und Unterhaltungswert lässig den Titel Topspiel rechtfertigte. Allerdings hatten die Münchner vor allem in der ersten Halbzeit nicht jene souveräne Dominanz zur Aufführung gebracht wie in den vier Spielen zuvor unter Flick, sondern eher an die Verwundbarkeit und stets latente Gefahr von Gegentoren unter Kovac erinnert.

Die Leverkusener zeigten dabei, wie Flicks höher verteidigenden Bayern beizukommen ist. Exemplarisch dafür standen Baileys Tore, die mit schnellen, meist direkten Steilpässen und überfallartiger Rasanz herbeigeführt worden waren. Weitere Großchancen ergaben sich nach diesem Muster der Expresskonter mit wenigen Ballkontakten, mit denen sich die Werkself dem Gegenpressing der Münchner entzog und diese mehrfach regelrecht überrannte.

Die Tabellenführung bis Weihnachten zu erobern, wie von Rummenigge als Wunsch hinterlegt, werde nun „schwierig“, sagte Kapitän Manuel Neuer, der mit seinem Team am kommenden Samstag zum Topspiel in Mönchengladbach antreten wird. Unbeeindruckt war der Torwart dennoch vom bisher unbekannten Bayer-Dusel. Er sagte: „Wir müssen so weiterspielen wie in den letzten vier Spielen und heute in der zweiten Halbzeit.“ Sprach’s und brach am Sonntag grundsätzlich selbstgewiss zu den Gäubazis in Herrenberg-Kuppingen bei Stuttgart auf. Ihm Trost zu spenden, konnten sich die schwäbischen Anhänger sparen.

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