+
Joachim Jöw degradiert drei Spieler und riskiert damit viel

Nationalmannschaft

Joachim Löw begibt sich auf dünnes Eis

  • schließen

Mit der Degradierung des Bayern-Trios demonstriert Joachim Löw Stärke. Es ist auch eine Botschaft an die Nachrücker. Ein Kommentar.

Die Häutung des Joachim Löw streckte sich über viele, viele Monate, ehe sie nun endgültig abgeschlossen zu sein scheint – fast acht Monate nach dem blamablen WM-Aus von Kasan und dem knirschenden, unruhigen Stotterstart mit bedenklicher Einfach-weiter-so-Haltung. Offenbar hat der Gralshüter des deutschen Fußballs etwas Zeit benötigt, um mit dem nötigen Abstand Entscheidungen reifen zu lassen und Prozesse anzuschieben. Das, was damals nach der Peinlich-WM als Mini-Reform oder Reförmchen bezeichnet wurde und wofür der Bundes-Jogi medial arg vermöbelt wurde, hat sich nun zu einem echten, unübersehbaren Neubeginn ausgeweitet.

Mit der am Dienstag verkündeten Degradierung der verdienten Nationalspieler Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng hat der Bundestrainer nicht nur für einen donnernden Paukenschlag gesorgt, nein, Joachim Löw hat Stärke demonstriert und sie sicher auch demonstrieren wollen, er hat ein Zeichen gesetzt, ein weithin sichtbares Signal mit der Botschaft: „Seht her, ich kann es doch, ich bewege mich, ich bin entscheidungsfreudig und scheue mich nicht davor, alte Zöpfe abzuscheiden.“ Die Abberufung des Bayern-Trios ist ein mutiger Schritt, gar keine Frage, er birgt durchaus Risiken. Aber ist er auch richtig?

Löw begibt sich auf dünnes Eis, aber das ganz bewusst. Sportlich ist die Entscheidung durchaus nachzuvollziehen, alle drei sind auch bei ihrem Vereinstrainer, Niko Kovac, nicht mehr unantastbar, ganz im Gegenteil. Thomas Müller, 29, hat ziemlich lausige Jahre hinter sich. Ob er wirklich noch mal sein altes Level erreicht, erscheint arg zweifelhaft.

Jerome Boateng, 30, war schon zu den letzten Länderspielen nicht mehr eingeladen worden, er ist verletzungsanfällig, wirkt schwerfällig, sitzt im Klub häufiger auf der Bank. Am überraschendsten kommt da sicher das Aus für Mats Hummels, 30, der zwar ebenfalls keine gute Zeit hinter sich hat, aber der in Topform am ehesten noch dazu in der Lage zu sein scheint, zumindest im Ansatz an sein altes Niveau heranzureichen. Hummels wird zwar nicht mehr schneller, aber er ist ein kluger, strategisch ausgerichteter Verteidiger. Und es ist ja auch eine Frage der Alternativen: Sind die Herren Rüdiger, Ginter und Tah wirklich so viel besser? Nun ja.

Ganz offenkundig geht es Joachim Löw also um sehr viel mehr, nämlich darum, bestehende Strukturen aufzubrechen und frischen Wind durch den verstaubten Laden wehen zu lassen. Es ist auch eine Botschaft an die Nachrücker, dass nur das Leistungsprinzip gilt und keine in der Vergangenheit erworbenen Meriten. Der Badener hat sich bewusst dafür entschieden, die alten Hierarchien zu knacken und die Wortführer kaltzustellen. Der Umbruch ist vollzogen, es werden endgültig neue Zeiten im DFB-Team anbrechen. Um Toni Kroos und Manuel Neuer wird sich eine neue Führungsebene herauskristallisieren müssen. Wobei: Kapitän Neuer sollte sich nicht zu sicher fühlen, Konkurrent Marc-André ter Stegen zeigt in Barcelona herausragende Leistungen, sitzt dem Platzhirsch im Nacken und scharrt mit den Hufen. Dass Joachim Löw nicht mehr davor zurückschreckt, Spieler mit Bayern-Lobby zu rasieren, hat er am Dienstag bewiesen.

PS: Im Zuge der radikalen Umwälzungen könnte sich der DFB endlich dazu durchringen, diesen hochnotpeinlichen Slogan „die Mannschaft“ zu kippen – wenn Neuanfang, dann bitte richtig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion