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Uli Hoeneß macht sich zum Kasper, ach was, allenfalls zum Seppl.

Kommentar

Hoeneß’ grollende Folklore

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Der Bayern-Präsident war einst ernstzunehmender Wortführer im deutschen Fußball, doch der Ärger um Manuel Neuer zeigt erneut: Hoeneß macht sich nur noch zum Kasper, ach was: allenfalls zum Seppl. Ein Kommentar.

Damals, in einer längst vergangenen Zeit, hat es die lieben Kollegen der Bundesliga-Mitbewerber und die braven Verbandsvertreter des Deutschen Fußball-Bundes noch bis in die letzten Synapsen ihrer Nervenbahnen hinein tangiert, wenn der große Uli Hoeneß grollend mit roter Rübe um die Ecke kam. Die verbalen Peitschenhiebe des großen Münchner Manitous haben bei manch einem bis heute Striemen hinterlassen, die niemals ganz verheilen werden. Was Uli Hoeneß sprach, war einst Gesetz. Fußballgesetz zum Nutzen des großartigen FC Bayern.

Jetzt ist es bloß noch Folklore. Uli Hoeneß macht sich zum Kasper, ach was, allenfalls zum Seppl.

Der Mann hat eine Menge getan, um den hiesigen Fußball voranzubringen, und sicher hätte er nach wie vor einiges beizutragen, um den allfälligen Wortmüll, den die Branche und die mediale Verwertungsmaschinerie mehr denn je absondern, ordentlich zu trennen. Stattdessen macht er genau das Gegenteil. Und Niemand bibbert mehr. Die Leute stecken die Köpfe zusammen und machen sich lustig über den einstigen Großmeister der Verbalattacken.

Man hatte seinerzeit in voreiliger Naivität hoffen können, Uli Hoeneß würde als eine Art Elder Statesman aus seiner Haft herausschlendern, als ein Mann, dessen Demut es ihm verbietet, seine Gegner noch kleiner zu machen, als sie aus Sicht der großen Bayern ja ohnehin sowieso schon sind. Aber es hat nicht lange gedauert, bis der Lautsprecher zu alten Verhaltensmustern zurückfand und den Ton wieder bis zum Anschlag aufdrehte. Dabei wollte doch niemand den alten, selbstgefälligen Uli Hoeneß mehr sehen.

Das Profifußballgeschäft ist in den vergangenen knapp anderthalb Jahrzehnten, seit die WM 2006 nicht nur die Stadien, sondern auch die Straßen eroberte und zu einem „Event“ mutierte, zum Vehikel einer Spaßgesellschaft geworden, in dem Uli Hoeneß nur noch ungern mitfährt. Er hat das mehrfach seriös moniert. Umso bedauerlicher muss es aus seiner Sicht nun erscheinen, dass er selbst tagelang den Brennstoff für eine einigermaßen absurde Torwartdebatte zuführt, die mit einer inhaltlich berechtigten Beschwerde des Weltklassemanns Marc-André ter Stegen begann und mit der öffentlichen Replik des Weltklassemanns Manuel Neuer schon so gut wie ausgestanden war. Bis Uli H. daherkam, blanken Unsinn verbreitete („Wir werden uns das in Zukunft nicht mehr gefallen lassen, dass unsere Spieler hier beschädigt werden ohne Grund“) und gemeinsam mit dem alten Wegbegleiter Kalle Rummenigge glaubte, so das gemeinsame Patriarchat gebührend verteidigt zu haben. Dabei hatte die beiden nur ihr Instinkt verlassen.

Kumpel Killer-Kalle, in diesem Fall argumentativ sogar mal umfassend einig mit dem Präsidenten, beließ es in aller gebotenen Schärfe bei zwei, drei Sätzen, die inhaltlich indes nicht sinnstiftender als die des Kollegen klangen, sondern ebenso irrwitzig. Etwa: „Da bräuchte man auch ein Stück Dankbarkeit gegenüber einem Mann, der neunzigmal für Deutschland gespielt hat.“ Soll etwa Bundes-Jogi Löw den Staub auch noch futtern, in den er sich vor Käpt’n Neuer geworfen hat?

In einer ruhigen Minute der Selbstreflexion könnten auch Hoeneß und Rummenigge vielleicht erkennen, dass sie jemanden verteidigt haben, der gar keine Verteidigung benötigte. Schon gar nicht eine derart plumpe.

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