Experten-Frischling Lahm wird in einer bizarren Szenerie interviewt.
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Experten-Frischling Lahm wird in einer bizarren Szenerie interviewt.

Ballalaika

Am Ufer des Tegernsees

  • Manuel Schubert
    vonManuel Schubert
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Schlecht, schlimmer, furchtbar: Die diesjährigen WM-Experten. Doch einen Hoffnungsschimmer gibt es. Unsere WM-Kolumne.

Plötzlich war Kevin Kuranyi in seinem Element. Die spanischen Antworten des Kolumbianers James Rodriguez ins Deutsche übersetzen, das wäre eigentlich seine Aufgabe gewesen. Doch schwupps, auf einmal schien der Mann mit den schönen Hemden vergessen zu haben, dass eine laufende Kamera vor ihm und ein immer nervöser werdender ARD-Reporter Ralf Scholt neben ihm standen. Kuranyi war nicht mehr zu stoppen, er machte auf Spanisch einfach weiter, stellte Frage um Frage. Und dass die Zuschauer an den heimischen Empfangsgeräten nur noch Bahnhof verstanden (bis auf die, die des Spanischen mächtig waren), kam ihm nicht in den Sinn. Auch Scholt gab irgendwann auf und versuchte gar nicht mehr, Kuranyi aufzuhalten. Bevor der Journalist noch eine Frage stellen konnte, hatte Kuranyi den Mittelfeldspieler vom FC Bayern verabschiedet und fortgeschickt. Adios, amigo.

Kuranyi gehört mit seinen wirren Auftritten bei dieser WM zur Gruppe jener TV-Experten, die sich eher durch unfreiwillige Komik auszeichnen, denn durch Expertise. Vorne dabei ist in dieser Kategorie auch Holger Stanislawski, der, stilecht mit Supermarkt-Gedächtnisweste, den ZDF-Taktikguru gibt, und sich gar nicht mehr einkriegt, wenn er über die kroatische Deckung oder das Ballgeschiebe der Brasilianer doziert. Stanislawski redet und redet und redet wie ein Fußball-Besessener im Taktikwahn und verdreht im Eifer des Gefechts auch noch so manche Redewendung („Es ist erst zu Ende, wenn die dicke Frau nicht mehr singt“). 

Ganz schlimm sind auch die Interviews mit Experten-Frischling Philipp Lahm. Das liegt weniger an Lahm als an den Umständen. Allein die Szenerie ist bizarr: Da steht ein großes Sofa auf der Wiese am Ufer des Tegernsees als wäre es vom Möbeltransporter gepurzelt, auf den graublauen Polstern fläzt sich der Kapitän der Weltmeistermannschaft von 2014 mit der Moderatorin Jessy Wellmer, die ihn anhimmelt wie eine Teenagerin aus den Neunzigern, die zum ersten Mal leibhaftig einen der Backstreet Boys sieht, und ihn Dinge fragt wie: Philipp, wann bist du heute Morgen aufgestanden? Philipp, warum hast du nie ein Smartphone in der Hand? Philipp, wie oft gehst du joggen? Das erinnert verdächtig an das legendäre ZDF-Fremdschämstudio am Rentnerstrand von Usedom mit Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein. 

Hitzlsperger überzeugt

Viel Gehaltvolles sagt Lahm auch bei den wenigen Fußballfragen nicht, was vor allem daran liegt, dass er seine aktive Karriere erst vor einem Jahr beendet hat und noch zu nah am Profifußball dran ist, um einen externen Blick auf das Ganze zu werfen. Wobei: Auch die Analysen des unsäglichen Urs Meier sind mit etwas Abstand zu seinem Rücktritt im Jahr 2011 kein bisschen erträglicher geworden. 

Ein ähnliches Problem wie bei Lahm ergibt sich beim U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz, der jede noch so zarte Kritik an der deutschen Mannschaft winzig kleinredet, besser als es jeder DFB-Pressesprecher könnte. Oliver Bierhoff wäre stolz. Aber: Wer sich einen leitenden Angestellten des Deutschen Fußballbundes ins Haus holt, darf sich nicht wundern, wenn er nur verbandskonforme Antworten bekommt.

Angenehmer sind da die sachlichen Christoph Kramer und Hannes Wolf. Und allen voran Thomas Hitzlsperger, der trotz seines Jobs als DFB-Botschafter für Vielfalt mit fachkundigen und meinungsstarken Analysen sowie einer Prise Humor („Die Schweden spielen wie Mittdreißiger in der Disco: hinten reinstellen und hoffen, dass sich was ergibt“) überzeugt. Und zwar ganz ohne Karohemd, Sofa und Taktiktafel.

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