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Opfer von verbalen Zügellosigkeiten: Der englische Nationalspieler Danny Rose beim Spiel in Montenegro vor der Stehtribüne.

EM-Qualifikation

Rassistischer Eklat bei EM-Qualifikation

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Die Uefa ermittelt nach dem rassistischem Eklat gegen englische Spieler bei deren 5:0-Sieg im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro.

Wenn es beim Fußball immer nur um das ginge, was auf dem Platz passiert, dann hätte die Stimmung bei der englischen Nationalmannschaft bestens sein müssen. Drei Tage nach dem 5:0-Erfolg im heimischen Wembley-Stadion gegen Tschechien endete auch die zweite Partie in der Qualifikation zur Europameisterschaft im kommenden Jahr mit einem klaren Sieg. Das Team gewann in Podgorica 5:1 gegen Montenegro. Doch wegen der Geschehnisse abseits des Rasens war die Laune getrübt. Trainer Gareth Southgate sprach nach der Partie mit leiser Stimme von einem „traurigen Abend“ und gestand, dass es im schwer falle, „die richtigen Worte zu finden“.

Das große Thema bei der Nachbesprechung der Partie war nicht Englands zweiter Fünf-Tore-Sieg innerhalb weniger Tage, sondern die rassistischen Anfeindungen von den Rängen gegen die dunkelhäutigen englischen Profis Raheem Sterling, Callum Hudson-Odoi und Danny Rose. „Es regnete Hass“, stellte die Tageszeitung „Telegraph“ entsetzt fest Die betroffenen Spieler berichteten ebenso von den Beleidigungen wie Southgate. „Es war für alle klar, dass es diese Kommentare gab. Ich habe keinen Zweifel. Ich weiß, was ich gehört habe“, sagte der Trainer. Die Uefa bestätigte am Dienstag Ermittlungen. Der Fall soll am 16. Mai verhandelt werden. Unter anderem war von Affenlauten die Rede.

„Ich kann nicht glauben, dass es solche Dinge immer noch gibt“, sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin. „Wir müssen die Ermittlungen der Disziplinarkommission abwarten. So ein Fall ist ein Desaster. Wir müssen Rassismus ernst nehmen und bekämpfen.“

Montenegro-Trainer Tumbakovic verharmlost den Eklat

Beschämend war die Reaktion von montenegrinischer Seite. Montenegros Trainer Ljubisa Tumbakovic erschloss sich die Aufregung nicht. „Erstens verstehe ich nicht, warum ich mich dazu äußern sollte. Zweitens habe ich nichts gehört. Drittens musste ich mich auf das Spiel konzentrieren“, sagte er. Als Southgate mit der Abwehrhaltung seines Kollegen konfrontiert wurde, hätte er es sich einfach machen können. Er hätte darauf verweisen können, dass es bei Spielen in Osteuropa und in den Balkanstaaten immer wieder zu rassistischen Ausfällen komme. Doch davon sah er ab.

Stattdessen sprach der englische Trainer davon, dass es sich bei Rassismus um ein grundsätzliches Problem handele, das auch in der Heimat zu finden sei. Strafen alleine würden nicht reichen, um solche Vorfälle im Stadion zu verhindern, gab er zu bedenken. „Es muss sicher sein, dass junge Leute richtig erzogen werden – überall, auch in unserem Land. Wir haben das gleiche Problem. Wir sind nicht frei davon“, sagte Southgate. Dabei dachte er vermutlich an die Partie von Manchester City beim FC Chelsea im Dezember, bei der Citys Nationalstürmer Sterling von einigen Zuschauern rassistisch beleidigt worden sein soll.

Der Angreifer mit jamaikanischen Wurzeln hatte danach auf beachtliche Weise eine Debatte über Rassismus im englischen Fußball eröffnet. Unter anderem prangerte er die in den heimischen Boulevardmedien mit Vorurteilen beladene Berichterstattung über schwarze Spieler an. Mit seiner klaren Haltung ist Sterling zu einem Vorzeigeprofi im Kampf gegen Rassismus und zum Sinnbild eines internationalen Englands geworden. Auch nach der Partie in Podgorica hielt er sich nicht zurück mit seiner Meinung. Er sprach davon, dass „ein paar Idioten“ eine großartige Nacht für Englands Nationalmannschaft ruiniert hätten und forderte die Uefa auf, rassistische Vorfälle künftig härter zu sanktionieren, nicht nur mit Geldstrafen, sondern auch mit Geisterspielen: „Es sollte eine wirkliche Bestrafung dafür geben, nicht nur für die zwei oder drei Menschen, die das gemacht haben – es muss eine kollektive Sache sein.“ Sterling sprach von „erweiterten Stadionsperren oder einem Turnier-Ausschluss“.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Der Druck auf die Rassisten

Sportlich ist der Start in die EM-Qualifikation für die Engländer mit den zehn Treffern gegen Tschechien und Montenegro ideal verlaufen. Die Nation berauscht sich an den Optionen in der Offensive. Kapitän Harry Kane von Tottenham Hotspur muss nicht mehr den Alleinunterhalter im Angriff spielen. Der vom FC Bayern umworbene Hudson-Odoi wurde mit seiner Einwechselung gegen Tschechien mit 18 Jahren und 135 Tagen zum jüngsten Nationalspieler in der englischen Geschichte. In Montenegro gab er sein Debüt in der Startelf, spielte über 90 Minuten und zeigte eine herausragende Leistung, auch wenn er ohne Tor blieb. „Sein Potenzial kennt keine Grenzen“, notierte der „Guardian“. Auch der Dortmunder Jadon Sancho, ebenfalls erst 18 Jahre jung, steht für die glänzende Perspektive der Engländer. Er spielte gegen Tschechien zum ersten Mal in einem Pflichtspiel von Beginn an.

Starspieler Sterling steigt derweil immer mehr zum Anführer auf. Gegen Tschechien war er mit drei Toren bester Mann, in Montenegro traf er zum 5:1-Endstand. Er feierte sein Tor, indem er sich die Finger an die Ohren legte. „Die beste Art, die Hater ruhig zu stellen“, schrieb er dazu bei Twitter und Instagram – und konkretisierte, an wen sich die Botschaft richtete: „Ja, ich meine Rassisten.“ (mit dpa, sid)

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